5 Manchmal ist es gerade umgekehrt. Wir suchen nichts und finden doch. Deswegen lässt der Suchende das Veilchen unbemerkt, das uns am Wege blüht; doch der sorglose Faulenzer findet das Veilchen am Wegesrand. Fragen wir weiter: Die Dichter geben die Probe aufs Exempel Am Anfang steht der Altmeister Goethe. So beginnt eines seiner Gedichte: «Ich ging im Walde so für mich hin / Und nichts zu suchen war mein Sinn ...». Goethe ist also bei sich und mit sich unterwegs. Er bezweckt zunächst nichts. Aber er ist fähig, das aufzunehmen, was der Augenblick ihm schenkt und ihn mit Sinn erfüllt: «Da sah ich im Schatten ein Blümlein stehn.» Und dieses Blümlein wird ihm nun zur Aufgabe. Er pflanzt es in seinen Garten und schenkt ihm Wachstum und Gedeihen. Es ist die Metapher für seine geliebte Christiane. Kurzum: Aus dem Faulenzen wurde eine erfüllende Tat. Trauriger sieht es dagegen Gottfried Keller. Er war als Staatsschreiber von Zürich gewiss kein Faulenzer. Aber er schenkte uns das Gedicht vom «Taugenichts». Der Bettler schickt seinen Buben in die Stadt, um Brot und Geld zu erbetteln. Statt Geld bringt der Bub dem Vater eine wunderschön blühende Hyazinthe. Der Vater gibt ihm dafür Schläge. Welch ein Trost, dass es nicht mit den Schlägen endet: «Der Gott der Taugenichtse rief der guten Nachtigall, / dass sie dem Kind ein Liedlein pfiff, / zum Schlaf mit süssem Schall.» Der Klassiker des Faulenzens aber bleibt Joseph von Eichendorff mit seiner Geschichte «Aus dem Leben eines Taugenichts». Der fleissige Müller mahnt seinen Sohn, endlich sein Brot selbst zu verdienen. Nicht faul, nimmt er seine Geige und zieht in die Welt. Er ist durchaus bereit zu arbeiten, als gräflicher Gärtnerbursche oder Zolleinnehmer. Aber wichtiger ist ihm, dass er Blumen hat und ein Lied für seine schöne gnädige Frau. Und nach seinen Abenteuern in Italien und Rom bekommt er sie schliesslich, die gar keine Gräfin ist. «Und alles, alles war gut». So endet die Geschichte tröstlich und wahr bleibt: «Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.» Der Pflichtversessene sagt «Pfui». Der Taugenichts, der richtig zu faulenzen versteht, lässt sich von Gott die Wunder weisen «in Berg und Tal und Strom und Feld». Beherzigen auch wir den Taugenichts. Machen wir uns nicht zu grosse Pläne; und setzen wir uns nicht zu viele Zwecke zum Ziel. Lassen wir es vielmehr darauf ankommen, und lassen wir Gott auch uns seine Gunst erweisen. So wird auch bei uns alles gut. Gott sei Dank! – Pfui! oder «Wem Gott will rechte Gunst erweisen . . .»
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