baldeggerjournal

8 Kloster Baldegg Man wird beinahe von einem unbehaglichen Gefühl beschlichen, wenn in einer Klosterzeitschrift von Faulheit die Rede sein soll. Stehen Faulheit und Müssiggang nicht in krassem Gegensatz zur benediktinischen Tradition des Betens und Arbeitens, aber ebenso auch zur calvinistischen Tüchtigkeitsmoral, wonach die Auserwählten sich durch Fleiss und Erfolg auszeichnen? Vor allem aber dürfte in einer heutigen säkulären Leistungs- und Produktionsgesellschaft, für die der Mensch auch in Freizeit und Ferien jederzeit erreichbar zu sein hat, kein Platz für Faulheit mehr bestehen. Warum also sollte man sich mit dieser Thematik überhaupt auseinandersetzen? Sicher könnte man einwenden, dass der gehetzte und überforderte heutige Mensch dringend sein Leben entschleunigen müsse, um nicht Gefahr zu laufen, mit «Burn-out-Syndrom» in einer Rehabilitationsklinik zu enden. Denn infolge der digitalen Revolution hat der Einzelne in immer kürzerer Zeit eine zunehmend grössere Informations- und Arbeitsflut zu bewältigen.1 Die Abläufe haben sich verselbstständigt, schnelle und erfolgssichernde Entscheidungen sind in Sekundenschnelle zu treffen, ein Innehalten, sich Besinnen oder gar ein Ausscheren aus vorgegebenen Zeitrastern ist kaum möglich. Die Mehrheit der Menschen in den Industrieländern ist einem sublimen Kontrollsystem unterworfen, das auch im Nachhinein beinahe lückenlos Effizienz und Arbeitstempo dokumentieren kann. Auf die Minute genau ist feststellbar, ob und wann z.B. der Postbote das Paket abgeliefert hat. An einen gemütlichen Schwatz mit dem Empfänger oder gar an eine Kaffeepause wie in der Vergangenheit, ist nicht mehr zu denken. Es sind aber nicht nur die digitalen Kontrollsysteme, die solches verhindern, sondern vor allem auch die verinnerlichten Normen. Sie machen dem Menschen nicht nur das Entschleunigen schwer, sondern verhindern oft auch, sich in der Freizeit einem unbeschwerten Müssiggang hinzugeben. Faulenzen würde bedeuten, loszulassen, Zeit, Raum und Verpflichtungen zu vergessen und die Seele unbeschwert baumeln zu lassen. Psychologische Ratgeber betonen immer mehr, wie wichtig es sei, in all der Betriebsamkeit zur Ruhe zu kommen, sein Leben zu entschleunigen, Freiräume zu schaffen und Auszeiten zu nehmen. Nur so könne der Mensch zu sich kommen, neue Energien tanken, kreativ sein Leben gestalten. So überzeugend diese Ratschläge auch sein mögen, sie umzusetzen, fällt dem heutigen Menschen oft schwer. Gewohnt an schnelle Abläufe, an ständig wechselnde Impulse und Herausforderungen im Arbeitsleben, verspüren viele auch in der Freizeit das Bedürfnis nach schneller Abwechslung. Man sucht das Neue, Aussergewöhnliche, die Befriedigung im Augenblick, die starken Reize durch immer neue Events, Abenteuer und sogar Extremsituationen. In der Folge kann ein Übergang in eine Zeit ohne Aktivitäten, in einen Raum der Stille und Beständigkeit, den heutigen Menschen sogar ängstigen. Er würde herausgerissen aus der Hektik, zurückgeworfen auf sich selbst, auf die Stille, auf die leisen Töne. Plötzlich ist kein Programm mehr da, keine Verpflichtungen. Man könnte jetzt so richtig faulenzen, es sich gut sein lassen und das Leben geniessen. Aber man hat verlernt, spielerisch und unbeschwert den Augenblick zu geniessen, die bunte Welt im Kaleidoskop all ihrer Schattierungen wahrzunehmen und sich an ihnen zu freuen. Bleierne Langeweile macht sich breit, die Zeit scheint still zu stehen. Man ist auf sich selbst verwiesen und findet keinen Zugang mehr zu seinen Gefühlen, seinen Träumen und seinen Hoffnungen. Dies trifft vor allem auch auf jene zu, die sich unfreiwillig, durch Arbeitslosigkeit, Freistellung, Pensionierung oder gesundheitlichen Einschränkungen dem Nichtstun hingeben können oder müssen. Sie fühlen sich verloren im Übermass der Zeit und Stille, in der Leere ihrer Einsamkeit. Es zeigt sich, dass weder ein Zuviel an Arbeit und Hektik, noch ein totales Faulenzerleben dem Wesen des Menschen entspricht. Mit der industriellen Entwicklung und dem Anbruch des digitalen Zeitalters, schien es eine gewisse Zeit, der Mensch würde nun weitgehend von der Arbeit entlastet. Maschinen, Computer und Roboter, so wurde gesagt, übernähmen die Vorgänge. Dadurch würden sie beschleunigt. Und in der Tat wurde die Produktion der Güter bereits weitgehend automatisiert und um ein Vielfaches gesteigert. Administrative Abläufe wurden durch die Digitalisierung vereinfacht und dynamisiert. Theoretisch wäre nun für alle genug produziert worden. Als Konsequenz wäre es möglich gewesen, dass jeder Einzelne über genügend Zeit zum Entspannen und Faulenzen hätte verfügen können. In Tat und Wahrheit aber verlief die Entwicklung ganz anders. Im neoliberalen Wirtschaftssystem zeigte es sich, dass eine Maximierung des Gewinnes nicht dann entstehen kann, wenn alle am Produktionssystem beteiligt sind. Das führte dazu, dass in einer immer mehr gewinn- und wachstumsorientierten Gesellschaft die Arbeit immer öfter an jene verteilt wird, die die schnellsten und effektivsten Leistungen erbringen. Darüber hinaus wird aber auch eine hohe «Flexibilität» verlangt, sich den Bedürfnissen der Arbeitswelt anzupassen. Dies aber heisst konkret etwa, jederzeit erreichbar zu sein und auch die Vermischung von Arbeitswelt und Privatleben zuzulassen.2 Jene, welche diesem von der Wirtschaft geforderten kompetitiven Idealprofil nicht entsprechen, werden schrittweise an den Rand gedrängt. Sie machen keine Karriere mehr, sie verlieren ihren Arbeitsplatz, werden frühpensioniert oder früProf. Dr. Christiane Blank, Zofingen Müssiggang in der heutigen Leistungs- und Konsumgesellschaft

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