baldeggerjournal

9 her oder später wegen «Burnout» krank geschrieben, da sie offensichtlich dem Dauerstress nicht gewachsen sind. Das liberale Wirtschaftssystem ist sich dieser Mechanismen bewusst und benützt sie auch, um die angestrebte Maximierung des Gewinns zu erreichen. Dies gelingt aber nur, wenn nicht alle potentiellen Arbeitnehmer in den Arbeits-, Produktions- und Konsumprozess integriert sind, sondern nur jene, welche dem System nützen. Es gibt daher eine «wachsende ökonomische Entbehrlichkeit vieler Menschen, […] die Überflüssigen werden ausgeschlossen».3 Von jenen aber, die teilnehmen, wird immer mehr gefordert. Rationalisierung, Digitalisierung und Out-Sourcing enthalten zudem immer die latente Drohung, Arbeitsplätze zu streichen. Kann oder will der Arbeitnehmer solcher Dynamik nicht entsprechen, wird er entlassen und ausgegrenzt. Damit aber werden die Einen noch mehr überlastet und gefordert. Sie finden weder Zeit noch Musse zum Entspannen, geschweige denn zum Faulenzen. Gleichzeitig aber gibt es Müssige, für welche die Zeit stillzustehen scheint. Ihnen fehlt eine sinnvolle Tätigkeit, und in der Konsequenz drohen Leere und Vereinsamung. Angesichts dieser Situation hat die Frage nach dem Faulenzen heute eine ganz neue und brennende Aktualität erhalten. Wir wissen aus der psychologischen Forschung, dass der Mensch Freiräume braucht, um sich psychisch und physisch zu regenerieren. Geschützte Freiräume, die es ihm ermöglichen, sich von allen Zwängen und Pflichten zu lösen und ungeschminkt sich selbst zu sein. Niemand und nichts hetzt ihn, er kann bummeln, geniessen, zur Ruhe kommen und sich und seine wahren Ziele, Bedürfnisse und Werte neu entdecken. Aktuelle Untersuchungen über die Megatrends 2018 zeigen nun eine interessante Gegenbewegung gegen die oben skizzierte Mentalität einer Maximierung des Gewinns: Gerade bei der jüngeren Generation scheint sich eine Bewusstseinsänderung anzubahnen. Aussagen wie die Folgenden werden hörbar und signalisieren einen beginnenden Sinneswandel: «Besser mehr Zeit (..) als für etwas mehr Geld die Life Balance zu verlieren».4 Das Bedürfnis nach mehr Zeit ist so gross, dass man auch bereit ist, dafür Konzessionen zu machen: «Wir wollen mehr – oder vielleicht auch einfach etwas anderes. Geld und Karriere sind nicht unwichtig, aber nachrangig. Für uns zählt eine andere Währung: Zeit. Zeit für uns, Zeit für Menschen, Zeit für Dinge, die wir gerne tun.»5 Angesichts der heute bestehenden Strukturen der Arbeitswelt aber ist es leider nicht gerade einfach, solche geforderten Freiräume wieder zu schaffen. Schon 2012 forderte die damalige Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen «glasklare Regeln, zu welchen Uhrzeiten muss ich erreichbar sein und wann bekomme ich dafür meinen Ruheausgleich»6 Das schweizerische Arbeitsgesetz gibt gewisse Rahmenbedingungen vor7, in Wirklichkeit aber wird der Druck auf die Arbeitnehmer indirekt immer grösser, permanent verfügbar zu sein. Studien über Megatrends für die Zukunft zeigen denn auch, dass Grenzen zwischen Berufs- und Privatwelt tendenziell immer mehr zu verschwimmen drohen.8 In dieser Situation, in der wesentliche Freiräume des Menschen gefährdet sind, gilt es nicht nur dem äusseren Druck zu wehren, sondern auch sich selbst zu fragen, inwieweit innere Zwänge es verhindern, dem Müssiggang ungestört nachzugehen. Erst wenn wir zur inneren Ruhe finden, wird es uns gelingen, uns auf die wesentlichen Werte und Ziele unseres Lebens zurückzubesinnen und unser Leben sinnvoll neu auszurichten. Eine entsprechende Veränderung könnte dann zur Erkenntnis führen, dass sinnvolles Leben sich nicht auf das eigene Wohlsein beschränken kann, sondern unsere Lebensaufgabe auch darin besteht, zu helfen, eine sinnvollere und gerechtere Welt für alle aufzubauen. Eine Welt also, in der nicht prioritär Geld, Leistung und Konsum zählen, sondern in der jedem Einzelnen Freiräume bleiben für Ruhe und Entspannung. Das heisst schliesslich aber auch, dass die Arbeit auf möglichst viele verteilt werden sollte, damit möglichst alle sowohl die Möglichkeit einer adäquaten und befriedigenden Arbeit erhalten, aber ebenso die Zeit zu Müssiggang und Nichtstun. 1Als Beispiel: Nach einer Erhebung des Softwarenherstellers Mindjet unter 1000 Büroarbeitern, werden diese mit durchschnittlich 37 geschäftlichen E-Mails am Tag überflutet. (Vgl. https://www.computerwoche. de/a/37-e-mails-am-tag-sind-zuviel,2518382) 2Nach Informationen des Branchenverbands Bitkom waren 2017 über die Weihnachtsfeiertage 73% der Berufstätigen trotz Urlaubs dienstlich verfügbar. (Von E-Mails bis Whats-App) Vgl.: https://www.msn.com/de-ch/finanzen/topstories/umfrage-drei-von-vier-berufstätigen-über-diefeiertage-erreichbar/ar-BBGWHRT?li=BBqg9qR 3BOLZ, N. , Das konsumistische Manifest, München, Wilhelm Fink Verlag, S. 34 Vgl auch : BAUMANN, Zygmunt, Leben als Konsum, Hamburg, Hamburger Edition, 2009. S. 160ff. 4www.zukunftsinstitut-de/artikel/new-work-newstatus/ 5www.stern.de/neon/generatio-y-wir-wollen-nichtgeld-und-karriere-wir-wollen-zeit--7562658.html 6https://www.focus.de/finanzen/recht/von-derleyen-fordert-funkstille-in-der-freizeit-permanenteerreichbarkeit-e-mail-anrufe-sms-so-weit-darf-ihr-chefgehen_aid_766105.html 7Vgl. z. B. Regelungen über Pikettdienst ArG 6 und 9-31 8Vgl. http://www.zukunftsinstitut.de/mtglossar/newwork-glossar/

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