10 Lieber Bruder Franz Hoppla, du gehst nicht zimperlich um mit deinem Bruder. Und nennst ihn auch noch «Mücke»! Mücke, ein unliebsamer, stechender Plaggeist? Was sticht dich denn da? Die Faulheit, der Egoismus deines Bruders? Oder, dass er sich nicht deinen Regeln entsprechend benimmt? Du bist sehr direkt in deinen Äusserungen. Das macht dich mir sympathisch. Du hast eine klare Vorstellung von dem, was franziskanische Brüder und Schwestern ausmacht. «Meine Brüder sollen arbeiten und sich tüchtig plagen. Und die kein Handwerk haben, sollen eines lernen», schreibst du unter anderem in deiner Regel. Mit «Arbeit» meinst du nicht «Erwerb und Einkommen», sondern, einander dienen und miteinander teilen. Jeder Bruder soll aktiv und selbstlos mithelfen, für die Gemeinschaft zu sorgen. Er soll nicht auf Kosten anderer leben, «müssig sein» und faulenzen! Es ist dir ein wichtiges Anliegen, mit der Arbeit den Müssiggang zu vermeiden, der als Ursprung vieler Laster gesehen wird. Du verlangst von deinen Brüdern, dass sie ein Handwerk erlernen, um mit ihrer Hände Arbeit das tägliche Brot zu verdienen. Du willst bei den Menschen am Rande der Gesellschaft leben. Bei den Ausgestossenen, die um Almosen betteln müssen. So leben deine Brüder von den täglich erarbeiteten Naturalien: «Für die Arbeit können sie alles Notwendige annehmen, ausser Geld. Und wenn es nötig würde, mögen sie um Almosen bitten gehen wie die anderen Brüder», sagst du. Das bedeutet Mitsorgen und Teilhaben. Mir ist klar: das Benehmen von Bruder Mücke ist nicht tragbar. Es schmerzt wie der Stich einer Mücke. Wo bleibt da die selbstlose Liebe zur gemeinsamen Aufgabe? Deine radikale Reaktion ist verständlich. Aber ich sage dir, wenn du heute unter uns lebtest, würdest du staunen: Die Arbeit und die Arbeitswelt sind heute ganz anders. Du könntest dich kaum zurecht finden in unserer hektischen Welt. «Zeit ist Geld» ist das Motto der heutigen Arbeitswelt: in immer kürzerer Zeit, immer schneller mehr leisten und haben müssen. Da braucht es Gegensteuer um gesund zu bleiben. Burnoutgefährdet sind wir heute. Aber dieses englische Wort verstehst du ja nicht; stell dir einfach vor: Das Feuer erlischt, ausgebrannt. Um dies zu verhindern und arbeiten zu können, ist heutzutage Müssiggang oder Faulenzen geradezu ein Heilmittel. Es entfacht die Arbeitsmotivation neu. Wir lassen die Seele baumeln, entspannen uns und tanken Kraft, um gesund arbeiten zu können. Aber dies erfordert Selbstdisziplin, denn es ist nicht einfach, sich der heutigen Hektik zu entziehen. Da hattest du es zu deiner Zeit einfacher. Ich muss Masshalten üben, die richtige Balance zwischen Arbeit und Müssiggang suchen und mich ehrlich nach meinen Beweggründen zum Faulenzen fragen. So gesehen kann Faulenzen auch Arbeit bedeuten: Arbeit an mir selbst. Da staunst du, was? Du verstehst Arbeit und Gebet als das, was die Brüder von Lastern fernhält und Gott näherbringt. Du bist überzeugt: im Müssiggang ist Gott nicht zu finden. Und ich bin überzeugt, Gott ist immer zu finden, wenn ich ihn ehrlich suche, im Beten, Arbeiten und auch im massvollen Faulenzen. Lieber Bruder Franz, ich würde mich freuen, von dir zu hören, was du zu folgendem Zitat von Aristoteles meinst. Ein Zitat, das in deine Grundregel gepasst hätte: «In den Anstrengungen ist ein Zuviel gesünder und steht dem Mittelmaß näher als ein Zuwenig, in der Ernährung dagegen ist es umgekehrt.» Liebe Grüsse deine Schwester Serafina Einem Bruder, der beim Almosensammeln nicht mithalf, aber bei Tisch mehr ass als seine Mitbrüder, sagte Bruder Franz: «Bruder Mücke, geh deiner Wege, denn du willst nur deiner Brüder Schweiss verzehren und im Werk Gottes müssig sein. Du gleichst der Schwester Drohne, die zwar die Arbeit der Bienen nicht auf sich nimmt, aber als erste den Honig verzehren will.»1 Franziskanische Inputs 1SpecPerf (Speculum perfectionis maius, ed. `P. Sabatier) Bruder Mücke
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