12 Zwei Meinungen – ein Thema Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (SH), Psychologin, im Gespräch mit Klara Obermüller (KO) Dr. phil. und Dr. h. c. der Theologischen Fakultät der Universität Zürich «…durch nichts mehr als durch Nichtstun» SH: Seit Wochen liegt es mir auf: das Thema des nächsten Journals. Faulenzen ist wirklich nicht mein Ding. Dazu habe ich nichts zu sagen. Und wie heisst es doch: Wer nichts zu sagen hat, soll schweigen! Da fällt mir vor paar Tagen – aus heiterem Himmel – das Reclam-Bändchen zu mit dem Titel: «LUTHER zum Vergnügen». Auf gelbem Grund ein pechschwarzer Luther, mit seinem weltbekannten Beret; auf der Brust ein Lebkuchenherz, darauf in rotem Schriftzug: «Liebling». Nochmals ein vermarkteter Luther, dachte ich; als hätte es im Luther-Shop nicht schon genug davon: Lutherbonbons, LutherBier, Magnetknöpfe und SmartphonSocken mit Lutherbild, Backmischung, Ökumenisches Vesperbrot, und, und, und! Ich wende das Büchlein in meiner Hand. Auf der Rückseite lese ich: «Man dient Gott auch durch Nichtstun, ja durch nichts mehr als durch Nichtstun» (M. Luther). Dieses Zitat überrascht; es macht mich nachdenklich. In diesem Nachdenken fällt mir der Titel Ihres Buches von 2005 ein: «Ruhestand – nein danke!». 2001 gingen Sie in Pension; es sind siebzehn Jahre her. Und ich frage mich, wie sich wohl ein lutherisches Nichtstun heute für Sie anfühlt? KO: Also mit dem Satz kann ich überhaupt gar nichts anfangen. Was für ein Unsinn! Gott dienen, indem man nichts tut, wie soll das gehen? Selbst Beten, Kontemplation oder fromme Lektüre ist letztlich ein Tun, wenn auch eins, das von Betriebsamkeit weit entfernt ist. Gut, man müsste natürlich wissen, in welchem Zusammenhang die Aussage steht. Luther hat ja bekanntlich heftig gegen die katholische Werkfrömmigkeit polemisiert. Die Gnade Gottes fällt uns zu, wir können sie weder erzwingen noch erkaufen, sagte er und teilte damit dem Geschacher um Sündenerlass und ewige Seligkeit eine Absage. Sollte der Satz in diesem Zusammenhang gefallen sein, könnte ich ihm durchaus etwas abgewinnen. Wenn es um Gnade geht, können wir in der Tat nur hoffen, tun können wir nichts. Sollte Luther mit «Nichtstun» jedoch Müssiggang und Tatenlosigkeit gemeint haben, dann muss ich widersprechen. Nicht nur, weil ich mir – wie Sie richtig bemerken – einstweilen ein Leben ohne Berufstätigkeit (noch) nicht vorstellen kann, sondern auch und vor allem, weil ich der Meinung bin, dass Glauben ganz wesentlich mit Tun verbunden ist. Nicht auf das Für-wahr-halten von Sätzen kommt es an, sondern auf die Umsetzung der religiösen Botschaft in die Tat. Ich glaube, Karl Barth hat einmal gesagt, dass durch Nichtstun genauso Unrecht entstehen könne wie durch aktives Handeln. Er dachte dabei an all die Mitläufer des Nazi-Regimes, die wegschauten statt sich aufzulehnen, die die Hände in den Schoss legten statt den Verfolgten Hilfe zu leisten. Der Gedanke ist heute so aktuell wie damals. Deshalb meine These: Wir dienen Gott, indem wir handeln, nicht indem wir nichts tun. Dass ich mir im Hinblick auf das zunehmende Alter auch mal Gedanken über das Aufhören machen sollte, gebe ich allerdings gerne zu. Und auch, dass ich mich vielleicht mal fragen müsste, warum ich mit Ruhestand so gar nichts anfangen kann. Damit gebe ich den Ball an Sie zurück. SH: Sie haben Recht; selbstverständlich will dieses Luther Zitat aus dem Zusammenhang verstanden werden. Der ist so: Im Mai 1530 steht die Sache der Reformation auf Messers Schneide. Krieg liegt in der Luft. Die verfeindeten Lager treffen sich in Augsburg zum Gespräch. Luther selbst kann nicht dort sein, denn der Bann liegt auf ihm; er darf den Gegnern nicht in die Hände fallen. An Ort sind seine besten Freunde, angeführt von Philipp Melanchton. Luther berät und informiert sie regelmässig durch berittene Boten. Nach einigen Wochen kommen beunruhigende Nachrichten aus Augsburg. Die Freunde klagen, dass sie sich um Melanchton Sorgen machen. Er lebe nur noch zwischen Verhandlungssaal, Schreibtisch und Besprechungszimmer. Er gönne sich keine Ruhe, schlafe kaum, esse wenig. Nicht einmal am Sonntag ruhe er. Sie hätten Angst, dass er nicht durchhalte. – In diese bedrängende Situation hinein schreibt Martin Luther an seinen besten Freund: «Aber Du höre, was ich vor allen Dingen will: Denke daran, dass Du Dir Deinen Kopf zugrunde richtest. Deshalb will ich Dir und allen Freunden befehlen, dass sie Dich unter Regeln zwingen, die Deinen Leib erhalten, damit Du nicht ein Selbstmörder wirst und danach vorgibst, dass dies aus Gehorsam gegen Gott geschehen sei. Denn man dient Gott auch durch Nichtstun, ja durch keine Sache mehr als durch Nichtstun». Es ist dieser Zusammenhang, der mich betroffen gemacht hat. Heute – fast 500 Jahre später – hat diese ernste freundschaftliche Mahnung nichts an Gültigkeit verloren. Sie hat nichts gemein mit dem feigen Nichtstun, von dem Karl Barth spricht. Sie widerspricht auch nicht der urchristlichen Botschaft, dass der Glaube
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