baldeggerjournal

13 ohne die Werke tot ist, dass Wort und Tat untrennbar zusammengehören. Müssiggang und Tatenlosigkeit retten uns nicht aus gereizter Betriebsamkeit, darin bin ich mit Ihnen voll einverstanden. Der Tod von Kardinal Karl Lehmann wies mich gestern auf die kleine Schrift von Josef Pieper: «Musse und Kult». In der Tat: Musse und Kult sind notwendig – niemals Tatenlosigkeit. KO: Ja, da sieht man wieder mal, wie ein Satz missverstanden werden kann, wenn man den Zusammenhang nicht kennt. Jetzt, da Sie mir den Kontext erläutern, bekommt er auch für mich eine völlig neue Bedeutung. Nicht Tatenlosigkeit war gemeint, nicht feiges Abseitsstehen, sondern ein Haushalten mit den eigenen Kräften, ein Erkennen der physischen Grenzen – und die Einsicht, dass mit hektischer und letztlich selbstzerstörerischer Betriebsamkeit niemandem gedient ist: der Sache nicht, Gott nicht und auch nicht mir selbst. Mit dieser weisen Ermahnung Luthers an seinen Freund Melanchthon kann ich sehr wohl etwas anfangen. Ja, sie spricht mich sogar ziemlich direkt an. Sie haben ja in Ihrem Eingangsvotum mein Buch «Ruhestand, nein danke» erwähnt – sehr zu recht, wie ich jetzt erkenne. Denn das Buch war genau aus dieser Unfähigkeit heraus entstanden, zur Ruhe zu kommen und einzusehen, dass Leistung nicht alles ist, worauf es im Leben ankommt. Die Pensionierung hatte mich damals in eine Art Identitätskrise gestürzt. Wer bist du (noch), hatte ich mich gefragt, wenn du nicht mehr die aktive, leistungsstarke und angesehene Journalistin bist wie bisher, sondern einfach nur noch du, eine Frau an der Schwelle des Alters, von der niemand mehr etwas erwartet? Meine Antwort auf die Frage lautete: Arbeiten, arbeiten, arbeiten, um aller Welt und vor allem mir selbst zu beweisen, dass es mich noch immer gibt, dass ich noch immer dazu gehöre, dass mit mir noch immer zu rechnen ist. Ich habe Jahre gebraucht, um diesen Mechanismus zu durchschauen und zu begreifen, dass ich mehr bin als nur die Leistung, die ich erbringe und das Ansehen, das mir daraus erwächst. Noch bin ich vom lutherischen Nichtstun weit entfernt, aber ich bin auf dem Weg dazu, das spüre ich. SH: Ja, vom gebieterischen Arbeits-Muss zur Musse ist ein langer Weg, das ist auch meine Erfahrung. Unserer Zeit der Effizienz, des Zeit- und Kostendruckes, ist die Musse abhanden gekommen. Die unheilvolle Verbandelung von Zeit und Geld und die digitalisierte Welt mit der allzeitigen Erreichbarkeit 24/7, hat sie verschluckt. Da taugt das Gerede von Lebensqualität, work-life-balance, Arbeitshygiene, Zeitmanagement und anderem mehr, wenig. Es mag als Nostalgie anmuten: Aber ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gerne an die Zeitrhythmen mit ihren Ruhepausen, die ich als Kind auf unserm Bauernhof miterlebte. Sie gelten für mich noch immer. Früh am Morgen begann der Arbeitstag, aber der Feierabend war gewiss – im Winter früher, im Sommer und Herbst später. Nicht nur die Hauptmahlzeiten, sondern auch ‘Znüni’ und ‘Zobig’ – ob am häuslichen Tisch oder auf dem Felde – waren da wiederkehrende Ruhepausen – in Gemeinschaft. Und das sechs Tage die Woche! Das Wochenende gab es noch nicht, dafür samstags um vier Uhr das feierliche Einläuten des Sonntags, das eine Atmosphäre des Ausruhens verströmte. Sonntagsruhe lag dann in der Luft, zusammen mit dem Duft des Sonntagszopf und dem Bereitlegen der Sonntagskleider. Dazu kamen der sonntägliche Gottesdienst und das sonntägliche Mittagsmahl. So waren Tag und Woche rhythmisiert – gleichsam gegeben. Dazu die Feiertage, die es damals zahlreich gab. Und im bäuerlichen Jahr feierten wir wiederkehrend den Abschluss der Heu-, Getreide- und Kartoffelernte. Feiern markiert für mich einen guten Weg vom Müssen zur Musse. Es ist von ganz anderer Qualität als das Nichtstun, das Faulenzen oder das Abschalten; es ist ein Erleben. Das Leben feiern öffnet für das Grössere, das Ganze, das Göttliche. «Habet Musse und erkennet, dass ich Gott bin», so übersetzt der Philosoph Pieper das Psalmwort 46,11. In der Musselosigkeit steht also nichts Geringeres auf dem Spiel als die Erkenntnis Gottes. Wir aber – dazu gehören sogar die Klosterleute – haben uns um Lichtjahre von der Musse entfernt. Aber – ohne Musse keine Inspiration, keine Einfälle! Dies

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