14 ZweiMinutenPredigt eingestehen ist für mich ein erster Schritt. Zwar liegt auch mir das Hamsterrad näher. Bewegung und Schwung faszinieren. Das hält wach und lebendig, solange der Hamster in mir sein Rad zu kontrollieren vermag. Das jedoch verlangt Mut, Präsenz, oft auch Verzicht. KO: Ihre Schilderung hat Kindheitserinnerungen in mir wachgerufen. Obwohl in unserer Familie niemand sonderlich religiös war, den Sonntag haben auch wir «geheiligt»: mit Sonntagsbraten, Sonntagsstaat, Sonntagsspaziergang und dem weitgehenden Verzicht auf körperliche Arbeit. In die Kirche gingen wir nur höchst selten, aber die Grossmutter wachte darüber, dass morgens keine Bettwäsche aus dem Fenster gehängt wurde und das Unkraut im Garten unangetastet blieb. Manchmal, wenn ich sonntags an einem Artikel schreibe, der am Montag abgeliefert werden muss, sehne ich mich nach der schläfrigen Langeweile dieser Sonntage und spüre deutlich, welch tiefe Weisheit in dem ursprünglich biblischen Ruhegebot verborgen liegt. Als ich einmal an einem Sabbat in einem jüdischen Haus zu Gast war, sah ich, dass Schreibmaschine und Telefonapparat mit einer samtenen Hülle zugedeckt waren. Um nicht in Versuchung zu geraten, das Sabbatgebot zu brechen, erklärte man mir. Wie praktisch, dachte ich und fühlte leisen Neid in mir aufsteigen. Ja, ich bräuchte auch manchmal einen lieben Gott, der mir Sabbatruhe verordnet, und eine samtene Hülle obendrein, die mir hilft, mich an das Gebot auch zu halten. Aber ich weiss auch, dass ich Verlorenes nicht zurückbringen kann und es mit der Sonntagsruhe ebenso vorbei ist wie mit dem Sonntagsstaat, der jeweils übers Jahr zur Werktagsbekleidung degradiert und durch ein neues Sonntagskleid ersetzt wurde. Was aber dann? Weitermachen wie bisher, das Hamsterrad am Laufen halten, bis es eines Tages durch eine höhere Macht zum Stehen gebracht wird? Nein, das kann es nicht sein. Aber einfach auf der Ruhebank sitzen, die Hände in den Schoss legen und warten, auf dass es Abend werde, das bringe ich auch nicht fertig. Also besteht die Aufgabe wohl darin, eine Balance zu finden, einen Mittelweg zwischen Tätigsein und Müssiggang, zwischen einer «vita activa» und einer «vita contemplativa», wie er schon den antiken Philosophen vorschwebte. Daran arbeite ich zur Zeit. Mal gelingt es mir, mal falle ich in die alten Verhaltensmuster zurück. Wer weiss, vielleicht nähe ich mir demnächst doch eine samtene Hülle, die ich über den Arbeitsalltag stülpen kann, wenn Komm und ruh‘ ein wenig aus! Dazu möchte ich Sie, liebe Leserin, lieber Leser, einladen. Ausruhen passt zwar nicht so ganz in unsere Zeit und Gesellschaft. Eher sind wir ständig gefordert, wir denken – oft fast gleichzeitig – an all das, was noch zu erledigen ist, daran, was andere von uns erwarten, an Menschen, die uns beschäftigen, an Vergangenes und Zukünftiges. Sind Sie auch schon einmal im Zug gesessen ohne Laptop, ohne Buch, ohne Strickarbeit und haben einfach die vorübergehende Landschaft betrachtet? Allmählich konzentrieren sich unsere Gedanken auf das, was vorüberzieht, und das Vielerlei ruht in unserem Kopf und in unserem Herzen. Oder erinnern Sie sich an eine Wanderung in der Frühlingsnatur? Die blühenden Bäume, die Farben der Blumen, das Zwitschern der Vögel, die Sonne, der blaue Himmel, der Sonnenuntergang, sie können uns in beglückendes Staunen versetzen. Und wenn unser Leib Ruhe braucht, dann legen wir uns doch einfach hin, entspannen uns und geniessen die Erholung. «Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen» (Mt 11,28). Jesus weist uns auf eine noch ganz andere Ruhe hin: Vertraut euch mir, vertraut euch Gott an mit allem Mühseligen, mit allem, was euch innerlich aufwühlt. Wir müssen nicht perfekt sein; wir müssen nicht alles selber bewältigen. Nehmen wir an, dass Gott uns gut will, barmherzig mit uns umgeht und uns unerwartete Hilfe zukommen lässt. SK ZweiMinutenPredigt es mit Besinnlichkeit und Musse nicht so recht klappen will. SH: Warum nicht eine samtene Hülle nutzen, um vom Müssen zur Musse zu kommen? Ich glaube auch, dass es – gesellschaftlich gesehen – mit der Sonntagsruhe vorbei ist. Aber der uralte Traum vom Nichtstun – wenigstens hin und wieder – bleibt. Wer nichts tut, hat nur sich selbst als Gegenüber. Das kann sehr wohltuend, mitunter auch unangenehm sein. Hektik und Betriebsamkeit schützen davor. Der rhythmische Wechsel von Ein- und Ausatmen, Spannen und Entspannen, Tag und Nacht, Arbeit und Nichtstun, Pflicht und Kür, Werktag und Sonntag, der ist uns Menschen in die Seele geschrieben. Diesen Wechsel vernünftig leben und pflegen, ist und bleibt Aufgabe. Nähmen wir unser Sehnen ernst, lebten wir achtsam unser Leib-Sein, liesse sich vielleicht doch etwas von der verloren geglaubten Musse zurückfinden, nicht für die grosse Masse, aber für mich als Person. Es könnte doch sein, dass die Musse ganz einfach eine Frage des Masses ist, wie schon die heilige Hildegard – und 1000 Jahre vor ihr der grosse Philosoph Aristoteles – erkannt haben: «Halte Mass in allen Dingen, und das Mass hält dich».
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