baldeggerjournal

3 und äusserst bescheiden. Die Gartenscheune sei der Kuhstall gewesen. Es ist Advent. Mein anderes Fenster Es schaut zur Morgensonne über dem steilen Eichenwald. Ein taunasser Wiesenweg führt kurz der Hauswiese entlang, hinauf zum Bildstock der Muttergottes, dort vor ein blitzblankes Gittertor mit Verbot und Busse. Privatbesitz. Jedes Jahr muss ich schriftlich um Durchlass nachsuchen – der gnädig gewährt wird. Links hinauf beginnt der berühmte Eichenweg. Beidseits ungeheure Bäume, dazwischen ein enger Pfad, ganzjährig vollgefüllt mit Laub und frischangewurzelten Eicheln. Da stehen die Riesen, die schon standen als in Paris die Revolution wütete. Die zackigen Kronen wachsen ineinander und wölben über dem Wanderer eine hohe Halle. Im Herbst fallen die Eicheln, abgefeuert wie Schüsse – das Gedicht von Peter Huchel ist unweigerlich da. Dem Kamm entlang geht es weiter in das Gebiet der Edelkastanien. Früher waren nicht nur die steilen Ränder damit bewaldet, sondern die ganze Halbinsel. Wer sich nicht scheut, den Hang hinabzusteigen, gelangt an die Seebucht und an den Platz, wo Karl, der letzte Kaiser der Donaumonarchie und Zita mit Familie einige Jahre gewohnt haben. Die Bucht, von Einheimischen Sündenbucht genannt, ist in der warmen Jahreszeit von Booten und Sonnenbadenden angefüllt. Um die Bucht herum beginnt das Tourismusgebiet des Hotels bei der Schifflände. Der Fussweg vom Haus zum Schiff ist wundervoll für alle, die nicht pressieren müssen und – Erlaubnis haben. Mein drittes Fenster Es schaut zur Nachmittagssonne über dem Bürgenstock. Zunächst ist da die Hauswiese; in der Blütenzeit ein Wunder. Die Kirschen blühen zuerst; ohne Blätter, ohne Grün; einzig die üppige Fülle von Weiss vor den tiefschwarzen Ästen. Dann kommen die Birnen und die Äpfel und die grossen Blumen der Quitten, zuletzt die beiden Mirabellenbäume. Am längsten stehen die Dornsträucher im Blust. Die Hauswiese ist aufgeschüttetes Land mit einer Seemauer, auf der Enten spazieren. Der See sieht hier aus wie ein chinesischer Strom, eng gehalten zwischen hier und der Bürgenstock-Nordwand. Wer schwimmt, merkt aber bald, wie viel breiter hier der See tatsächlich ist. Nahe am Ufer ragt eine Klippe aus dem Wasser; dort rauscht der See jedesmal auf, wenn ein Kursschiff vorbeigefahren ist. Früh, nach dem Aufstehen, betrachte ich das Endritual des Berufsfischers. Er steht im Boot, sortiert die Fische, einige wirft er zurück, der Reiher steht auf dem Bug; zum Schluss nimmt er das Netz vom Galgen, taucht es ein paarmal ins Wasser, legt es ins Boot. Dann greift er in den einen Hosensack, nimmt das Feuerzeug; aus dem andern zieht er die Zigaretten, schüttelt einen Stängel direkt zwischen die Lippen, gekonnt; klickt das Feuer an, nimmt einen tiefen Zug, wartet, bläst ihn genüsslich aus, setzt sich hinten ins Boot, zieht die Schnur und startet. Beim Einnachten sitze ich im Sommer am See. Im Winter schaue ich aus dem dritten Fenster. Mein letztes Fenster Es schaut zum Sonnenuntergang. Am längsten Tag des Jahres sehe ich hinüber zur Anhöhe bei Meggen; ich kenne den Baum, hinter dem die Sonne an diesem Tag versinkt, und am nächsten auch noch. Ist der See ruhig, steht die Schiffstation Bürgenstock, steht Stansstad und steht der Turm von St. Niklausen direkt auf der Wasserfläche. Gegen den Kreuztrichter hinaus gibt es eine Stelle, an der die Hechtfischer beisammen sind. Es sei dort ein Berg, der lasse dem Wasser nur ein paar Meter, das von den Hechten bevorzugt werde. Warum sich am Rande dieses Sees bei Unter-Null-Temperaturen kein Eis bildet; warum die Zahl der Fische die gleiche geblieben ist, obwohl die Fischer jammern; warum die Oberflächenströmung gegen Luzern hin eine andere ist als jene am Grund der drei andern Becken des Vierwaldstättersees. Ich suche am andern Ufer das Seeforschungsinstitut der ETH; die wüssten das. Im Sommer wird der See zur Autobahn. Hunderte Motoren pflügen das Wasser und schlagen krachend auf die Wellen. Mich dauern die Kinder, die auf dem Bug hocken, sich krampfhaft festklammern und die brutalen Schläge aushalten. Ich meine, es gäbe Segelschiffe und Ruderboote, wenn unbedingt Sport sein muss. Und es gäbe ÖV auf dem See. Ums Haus gibt es Schwalben und Fledermäuse. Vor meinem Fenster pfeilen die Schwalben am Abend wie wild vorbei; aber nur bis zu jener Zeit, in der das Licht zurückgeht. Über Jahre wollte ich diesen Zeitpunkt herausfinden. Dann nämlich verschwindet schlagartig jede Schwalbe; und wie der Blitz huscht im selben Moment die erste Fledermaus vorbei. Ich liebe die Nacht und vermisse das Volk der Leuchtkäfer; sie sind ausgestorben.

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