4 Der Heilige Franziskus wird gelegentlich mit Bruder Immerfroh bezeichnet. Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass das Loben ihm leicht aus einem erfüllten Herzen über die Lippen kam. Dass dem nicht so war, belegt die Entstehungsgeschichte des Sonnengesangs im Winter 1224/1225. Franziskus liegt krank in einer Hütte bei San Damiano. Seinem wachsenden Selbstmitleid setzt er betend die Geduld entgegen. In dieser Niedergeschlagenheit tröstet ihn der Herr mit der Zusage des ewigen Lebens: «Stelle dir vor, die ganze Erdmasse und das Weltall wäre aus kostbarem, unbezahlbarem Gold. Es wird dir nun für die harten Beschwerden, die du erdulden musst, ein Schatz von solcher Herrlichkeit als Belohnung zuteil. Würdest du nicht frohlocken und gerne alles ertragen, was du für einen Augenblick ertragen musst?» «Gewiss würde ich frohlocken», sagte der Heilige, «und über die Massen würde ich mich freuen.» «Dann jauchze», sprach zu ihm der Herr; «denn meines Reiches Brautpfand ist deine Krankheit und als Preis der Geduld erwarte sicher und gewiss das Erbteil an diesem Reich!» (2 C 213) In allen Lagen und Situationen des Lebens jauchzen ist kaum möglich, ist sicher überfordernd. Das Bemühen, bewusst Kränkung, Schmerz, Verletzung, Verwundung in Geduld zu ertragen und der Wandlung anzuvertrauen im Blick auf die Zusage, Anteil am Reich Gottes zu bekommen, aber führt weiter. Der Sonnengesang verbindet Gott und Mensch und alle Geschöpfe, Erde und Kosmos, Irdisches und Transzendenz, und alle Polaritäten miteinander. Eine Ganzheit, die der Spiritualität der heutigen Menschen entspricht. Eine Verbundenheit, die über das individuelle Denken, Empfinden und Handeln hinausgeht. Mit Allem, für Alles und durch Alles Gott feiern. Trotz unerträglichem Schmerz und mit dem persönlichen Unvermögen, ihn geduldig zu ertragen, schliesst Bruder Franziskus auch den Tod nicht aus seinem Lobgesang aus. Sein Sonnengesang ist Ausdruck der Zugehörigkeit zum Reiche Gottes. Sein Lied ist jubelnde Antwort auf eine Gotteserfahrung in dunkelster Nacht. Ein weiterer Lobgesang verdeutlicht die Tiefe seines Lobes und sein Mitgefühl. Bruder Leo ist der engste Gefährte von Franziskus und sein Sekretär. Verunsichert über dessen Rückzug in die Einsamkeit und über das, was mit seinem Herrn und Meister auf La Verna mit dem Empfang der Wundmale geschieht, wünscht Leo sich ein Trostblatt. «Bring mir Blatt und Tinte, denn ich will die Worte des Herrn und seinen Lobpreis niederschreiben, die ich in meinem Herzen erwogen habe.» (2 C 49) Dieser Lobpreis Gottes ist eines seiner zwei eigenhändig geschriebenen Schriftstücke. Darin ist die Faszination über den «lebendigen und wahren Gott» spürbar. Franziskus hat Gott so reich und tief erfahren, dass er sich auch in gegensätzlichen Ausdrücken wie Stärke und Milde, allmächtig und demütig, König des Himmels und der Erde, … zur Unbegreiflichkeit Gottes bekennt. Sein Bemühen, sich Gott ganz hinzugeben und immer Tieferes über ihn auszusagen, ihn ohne Unterbrechung zu lobpreisen findet Sprache in der ehrfürchtigen und vertrauensvollen Anrede Du, du, du … Franziskus preist den Höchsten mit vielen Namen, inspiriert von den 99 Namen Gottes im Islam. Sein litaneiartiges Gebet lädt ein, die Namen Gottes weiterzuschreiben und im schlichten staunenden «Du bist» betend zu verweilen. Dass die Quelle der Freude für Franziskus in Gott ist, veranschaulichen der Sonnengesang und das Gebet von La Verna unmissverständlich. Wir sind immer auf Gott verwiesen. Er ist unser Ursprung und unser Ziel. Ihm verdanken wir uns. Und unser Dank für alles, was uns widerfährt wird zum Lobpreis für die Güte Gottes. Hertenstein Sr. Beatrice Kohler, Hertenstein … dass ich danke für alles, was mir widerfährt
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