5 Trudi versteht zu loben Jahr für Jahr trifft sich unsere Klasse in einem Restaurant an zentraler Lage zum Mittagessen. Essen ist eigentlich Nebensache. Man hat einander viel zu erzählen: von der Familie, von der Zeit nach der Pensionierung, von Freuden und Sorgen, einfach von vielem, was uns bewegt und beschäftigt – und heute: Die Foto von der plötzlich verstorbenen Heidi wird herumgereicht. Es macht uns tief betroffen. Die Erinnerungen an die gemeinsamen Sorgen im Studium sind nun auch ganz nahe, und das Gefühl von aufrichtiger Verbundenheit ist zweifellos noch immer da. All das zeugt von einer Klasse, in der sich damals schon jede getragen fühlte. Keine Träne ist unbeachtet geblieben; immer war eine da, die unterstützte und die andern hielten sich respektvoll zurück. Eine solche Klassengemeinschaft verdient wirklich Lob, ein Lob auf die soziale Kompetenz einer jeden einzelnen! Lob – Lob empfangen – Lob aussprechen: darüber habe ich mich am letzten Treffen vor allem mit Rita, Martha und Trudi unterhalten. Was ich mit Trudi diskutiert, bzw. ausgetauscht habe, möchte ich hier wiedergeben: Was bedeutet dir Lob in der Familie als Mutter von vier Kindern? In der Familie mit Ehemann und vier Kindern ist Lob ein wichtiger Erziehungsfaktor. Lob basiert auf Verantwortung, Liebe und Geduld. Wenn ich mit dem Kind etwas Negatives zu besprechen hatte oder eine Strafe anordnen musste, habe ich immer (oder fast immer) etwas Positives herausgestrichen, ein Lob ausgesprochen und so den «Boden» bereitet, um die Kritik oder den Tadel anzubringen. Als Organistin und Chorleiterin warst du sehr engagiert. Hast du Lob bekommen, und wie bist du allenfalls mit Kritik umgegangen? In allem was man tut und als selbstverständlich angesehen wird, ist Lob eher selten. Umsomehr hat es mich jedoch gefreut, wenn es positive Rückmeldungen gab. Wenn die Kritik angemessen und begründet war, habe ich versucht, daraus zu lernen und bei nächster Gelegenheit besser zu arbeiten. Du selber, lobst du deine Kollegen und Kolleginnen, Sänger und Sängerinnen auch? Was machst du, wenn du nicht voll des Lobes sein kannst, z.B. nach einem Konzertauftritt eines Kollegen usw. Chorarbeit basiert auf Vertrauen, Wertschätzung und Dankbarkeit. Zusammen will man Ziele erreichen und Freude, viel Freude, erleben und weitergeben. Mit etwas Humor oder einer witzigen Bemerkung habe ich auf Fehler hingewiesen und zeigte mich überglücklich, wenn das Werk gelang. Bei der Kritik anderen Kollegen und Kolleginnen gegenüber bin ich sehr zurückhaltend, aber immer ehrlich. Es gibt immer etwas zu loben und anzuerkennen, z.B. Fleiss, Einsatz usw. Wie ist es, wenn es einen Konflikt gibt, z.B. in der Erziehung, im Beruf und sonst in deinem Umfeld? Ich behaupte, dass kein Mensch ohne Lob und Anerkennung leben kann. Lob spornt an, Lob setzt Energien frei, Lob macht erfinderisch. Lob verlangt von mir, dass ich die Tat oder den Einsatz des Mitmenschen sehe und für jede noch so selbstverständliche Handreichung, für jede noch so kleine Anstrengung, ein Lob, ein Dankeschön ausspreche. Ich behaupte: Lob kann kleine Wunder bewirken. Teilst du mit mir diese Ansicht. Wenn ja, kannst du ein Beispiel erzählen? Diese Behauptung teile ich voll und ganz mit dir. Ich habe erlebt, wie heilsam ein Lob zur richtigen Zeit sein kann: Eine gehbehinderte, ältere Frau putzte einmal bei grosser Hitze Stühle und Tische in einer Gartenwirtschaft. Der Schweiss tropfte ihr von der Stirne und sie sah sehr müde aus. Kurzentschlossen sprach ich sie an und lobte ihren Einsatz und die saubere Arbeit voller Bewunderung. Mit Tränen in den Augen bedankte sich die Frau mit den Worten: «So ein Lob tut gut» und arbeitete mit noch grösserem Einsatz weiter. Sr. Boriska Winiger, Baar Ehemalige Mehr als 50 Jahre nach der Semizeit in Baldegg
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