baldeggerjournal

6 Kloster Baldegg Mehr als vierzig Jahre habe ich blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Dabei durfte ich immer wieder erfahren, wie Worte der Aufmunterung und des Lobes kleine und grössere Wunder bewirken. Jede Lehrperson, jede Sozialpädagogin, die mit behinderten Kindern und Jugendlichen arbeitet, weiss es: ermuntern zum Tun, positiv verstärken, Rückmeldungen geben und mit Lob nicht sparen bilden die Grundlage in der Alltagsarbeit. Bemerkungen wie «Das kannst du ohnehin nicht ...» wirken lähmend und entmutigend. Mit einem Lob für den geringsten Fortschritt ist oft schon der nächste Entwicklungsschritt getan. In Gesprächen mit den Eltern war es mir immer ein grosses Anliegen das Positive hervorzuheben und sie davon zu überzeugen, dass sich das Kind viel besser Sr. Jeannine Balmer, Baar entwickelt, wenn es nicht unter einem Erwartungsdruck steht. Im Laufe eines Schuljahres ergaben sich immer wieder Möglichkeiten, wo sich das behinderte Kind frei fühlen und entfalten konnte, weil ihm etwas zugetraut wurde. Folgende Beispiele waren auch für mich als Lehrperson beeindruckend: Regelmässig führten wir an unserer Schule im SONNENBERG grössere Theaterprojekte durch. In diesem Zusammenhang wurden die Kinder herausgefordert und konnten dabei über sich selbst hinauswachsen. Ich erinnere mich besonders an ein schüchternes Mädchen, dem man nie zugetraut hätte, dass es eine rabiate Köchin spielen könnte. Da waren selbst seine Klassengespanen erstaunt. Das betroffene Mädchen hat ein nachhaltiges Selbstbewusstsein entwickelt. Ebenso wertvolle Erfahrungen machten die Schüler und Schülerinnen in den vielen Winter- und Sommerlagern. Auf langen und beschwerlichen Wanderungen z.B. kamen sie an ihre Grenzen und freuten sich, dass auch sie es geschafft hatten. Oder: am Ende einer Skiwoche wagte ein blindes Kind allein den Hügel hinunterzusausen. In der Phase der Berufswahl kommt es vor allem darauf an, dass man die Jugendlichen richtig einschätzt und realistische Erwartungen an sie stellt. Es geht darum, Stärken und Ressourcen zu erkennen und Schwächen zu akzeptieren und es ihnen gegenüber auch ehrlich und wertschätzend zu äussern. Nur so kann ihr oft so labiles Selbstwertgefühl gestärkt werden. Heute kommen vermehrt auch Schüler und Schülerinnen mit Wahrnehmungsproblemen in den SONNENBERG. Für sie sind positive Verstärkungen und Erfolgserlebnisse ganz besonders wichtig. Das folgende Zitat, das Albert Einstein zugeschrieben wird, hat mich in meiner ganzen Zeit als Lehrerin begleitet: «Jeder ist ein Genie! Aber wenn Du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist.». Das hesch guet gmacht!

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