7 Sr. Martine Rosenberg, Baldegg Tag und Nacht will ich dich preisen Gibt es das, ein nie endendes, immerwährendes, Tag und Nacht dauerndes Gebet, einen ewigen Lobpreis Gottes? Ja, das gibt es. Und dieses Lob wird erfahrbar im «Stundengebet» der Kirche. Ein besonderes Gebet mit den Psalmen trägt diesen Namen, weil es auf die verschiedenen Stunden des Tages verteilt ist, den Tag also in Gebetszeiten gliedert: Morgen, Mittag, Abend, Nacht. In der theologischen Sprache wird das «Stundengebet» als «Hymnus der Kirche» bezeichnet. Also als Lobgesang der gläubigen Menschen auf dem irdischen Weg zu Gott. Lob Gottes und Geschenk an die Welt Für Menschen, die ihr Leben Gott geweiht haben, ob alleine oder innerhalb einer klösterlichen Gemeinschaft, gehört das «Stundengebet» zur täglichen Aufgabe. Es ist ein Auftrag, den wir mit dem Leben nach den evangelischen Räten in Armut, Keuschheit und Gehorsam freiwillig übernehmen und täglich neu zu beseelen suchen. Wir vollziehen dieses «Pflichtgebet» stellvertretend für die ganze Schöpfung, für alle Menschen, für die weite Welt. Es geht dabei also nicht um mich, es geht um Gott, und es geht um die andern. Wir haben einen Auftrag, der über alle Grenzen der Länder und Kulturen und Religionen hinausgeht. Selbstloses Gebet Das «Stundengebet» setzt sich zusammen aus den 150 Psalmen der Bibel, aus Hymnen und Schrifttexten, aus Bitten und Fürbitten und Gebeten in anderer Form. In den Psalmen ist alles, was menschlich ist, enthalten: Friede und Streit, Vertrauen und Enttäuschung, Leid und Glück, Wut und Milde, Zorn und Versöhnung, Verzweiflung und Barmherzigkeit, Trauer und Freude. Letztlich siegt aber immer die Dankbarkeit für die Nähe und rettende Liebe Gottes und findet ihren Ausdruck in einem begeisterten Lobpreis. Nicht immer stimmt meine innere und äussere Verfassung mit dem überein, was ich in den Psalmen betend singe und spreche. Das darf oder muss sogar so sein. Denn das «Stundengebet» hat nicht mein Wohlbefinden oder meine persönliche Befriedigung zum Ziel; es will alle Menschen und Ereignisse auf Erden einschliessen und vor Gott bringen. Immer gibt es irgendwo Menschen, die unter Situationen leiden oder Freuden erleben, wie sie in den Psalmen beschrieben werden. Niemand ist ausgeschlossen. Ewiger Lobpreis Ich finde es wunderbar, dass dank der zeitlichen Unterschiede auf Erden nie eine Sekunde ohne diesen wunderbaren «Hymnus der Kirche» vergeht. Immer sind Gemeinschaften und einzelne Menschen daran, im Stundengebet des Morgens, des Mittags, des Abends und der hereinbrechenden Nacht Gott zu loben und ihm die ganze Schöpfung, jeden einzelnen Menschen, alle Völker und Nationen und den weiten Erdkreis anzuvertrauen. Das geschieht in vielen verschiedenen Sprachen, aber in der gleichen Ordnung. Natürlich gibt es kleine lokale Unterschiede, doch die Struktur und der Sinn dieses Gebets bleibt gleich und verbindet die Betenden Tag und Nacht mit Gott und den Menschen überall auf Erden. Das «Stundengebet» der Kirche geht also weit über die Kirche hinaus. Wir vertrauen, auf verborgene und geheimnisvolle Weise die schönste Botschaft weitergeben zu können: Gott liebt jeden Menschen. Es ist schön, wenn das ununterbrochene Gebet irgendwo jemand von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von der Vereinsamung befreit. Lob Gottes heilt und macht glücklich. Gott behält nichts für sich selbst, er verschenkt alles. Und das grösste Geschenk ist seine Liebe.
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