baldeggerjournal

8 Kloster Baldegg Man kommt in die Jahre und sollte turnen. Wohl oder übel steige ich im Fitnessraum auf das Fahrrad, stelle Alter, Gewicht und Geschlecht ein und entschliesse mich für einen konstanten Puls. 50 bis 60 Umdrehungen soll ich also machen; und das während 25 geschlagenen Minuten. Los geht’s! Ich bewundere und beneide die Frau, die neben mir ebenfalls auf einem Fahrrad sitzt und ihre Runden dreht. Sie liest dabei die Zeitung. Der Physiotherapeut sagt mir, er habe sogar eine Patientin, die im Stande sei, mit einem Ohr Musik zu hören, mit dem anderen am Handy zu kommunizieren, mit den Augen die Illustrierte anzuschauen und erst noch frohgemut zu trampen. Einmal mehr wird wahr: Frauen können nicht nur viel. Sie können auch vielerlei und das miteinander und zur gleichen Zeit. Ich selber kann nur treten und zum Fenster hinausschauen oder mit geschlossenen Augen vor mich hin sinnieren. Das australische Paar kommt mir in den Sinn mit seinen weltweit verbreiteten Büchern. Sie wissen genau, warum Frauen falsch einparken und Männer lügen. Im Hintergrund dieser Aussage steht die Überzeugung: Genetisch sind die Männer für die Jagd programmiert, die Frauen für die Höhle. Darum haben die Frauen einen Weitblick. Sie sehen alles, was in der Höhle vor sich geht. Vom Ganzen her können sie auch vielerlei miteinander bewältigen. Der Mann auf der Löwenjagd sieht nur den Löwen vor sich. Er hat – im Gegensatz zur Frau – einen Tunnelblick. Er sieht nicht nach links und rechts, sondern nur stur geradeaus. Genauso geht es mir jetzt. Doch jetzt schaue ich auf. An der Anzeigetafel meines Fahrrades kommt als Leuchtschrift: «Sie machen ein gutes Training.» Ich muss lachen. Das Fahrrad lobt mich. Zugleich werde ich stutzig und denke nach. Das Lob wirkt Ich habe schon oft von der Placebo-Wirkung gehört. Jetzt erlebe ich sie unmittelbar selbst. Da ist kein Mensch, der mich lobt, sondern nur eine Maschine, die auf Lob programmiert ist. Dennoch fühle ich mich motiviert. Auch das künstliche Lob tut mir gut und muntert mich auf. Zugleich mache ich eine zweite Erfahrung. Die Schrift: «Sie machen ein gutes Training» kommt häufiger, wenn ich nicht bloss die vorgesehenen 50 oder 60 Umdrehungen mache, sondern wenn ich mich steigere und das Unvorhergesehene tue. Derart Dr. P. Albert Ziegler SJ, Zürich Wer loben will, muss lieben

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