9 wird mir deutlich: Die durchschnittliche Leistung wird nicht gelobt. Wer gelobt werden will, muss übertreiben. Je grösser die Übertreibung, desto höher das Lob. Demgegenüber verdient nicht erst die überdurchschnittliche, bessere und beste Leistung Lob. Jede gute Lösung ist lobenswert. Das Gute ist und bleibt gut, auch wenn es nur Durchschnitt ist. Denn nicht nur die Elite, sondern jeder Mensch braucht Lob. Wir alle möchten gelobt werden. Aber das Lob darf keine Lobhudelei sein. Ein Luzerner Schulinspektor erzählte mir einmal, er habe von seinem Vorgänger gelernt, bei einem Schulbesuch müsse er immer mit einem Lob beginnen. Und wenn er in der Schulstunde oder Schulstube nichts Lobenswertes finde, soll er zum Fenster hinausschauen und sagen: «Sie haben aber eine schöne Aussicht.» Ähnlich pflegte ein Schweizer Manager zu raten: «Ertappen Sie ihre Mitarbeiter bei ihren guten Eigenschaften – und sprechen Sie ihren Eindruck in Form des Lobes aus.» Die Medien tun sich mit dem Lob besonders schwer. Denn bekanntlich ist für sie eine schlechte Nachricht eine gute. Wenn die Medien beissende Kritik üben oder ihre Freude hämisch zum Ausdruck bringen, finden sie allgemeines Gefallen und darum eine zahlreiche Leserschaft. Aber wir anderen Menschen brauchen ein Lob, wenn wir auf dem Fahrrad des Lebens uns abstrampeln: «Sie machen ein gutes Training.» Wir sollen positiv loben Oft loben wir zwar, aber das Lob kommt nicht zum Vorschein. Der Gelobte muss es erraten. So sagt der Mann zur Frau, wenn er sie für das gute Essen loben will: «Nicht schlecht!» Vielleicht versteigt er sich sogar zur Aussage: «Man kann es essen.» Noch höher ist als Lob zu werten: «Das kannst Du wieder einmal machen.» Alles gut gemeint, aber schlecht gesagt. Warum nicht: «Heute hast Du besonders gut gekocht. Es schmeckt mir ausgezeichnet. Hoffentlich machst Du es bald wieder. Ich danke Dir herzlich.» Was aber antwortet der, dem wir gedankt haben? «Nichts zu danken!» Nicht nur das Lob wird verschwiegen. Auch der Dank wird abgewehrt. Da macht mir einer ein Geschenk. Ich freue mich darüber. Aber wir sagen nicht: «Herzlichen Dank für die Freude, die Sie mir geschenkt haben.» Wir antworten vielmehr: «Danke, aber es war nicht nötig.» Einerseits vergessen wir häufig zu loben. Andererseits wehren wir Lob und Dank ab. Kurzum: Wir loben nicht oder nicht auf erfreuliche Weise. Wir danken nicht, um unsere Freude auszudrücken. Dafür klagen wir oft und gerne. Auf die Frage: «Wie geht es Dir?», pflegen wir zu antworten: «Danke, ich kann nicht klagen.» Darum hat einer gesagt: «Wir klagen alle – aber auf verhältnismässig hohem Niveau.» So schlecht, wie es uns die Medien vormachen, geht es uns – Gott sei Dank! – doch wieder nicht. Und wenn wir schon einmal «Gott sei Dank!» sagen, denken wir dann auch an den, dem der Dank gilt? Gott sei Lob und Dank! Eine Redensart heisst, gewonnen aus bitterer Lebenserfahrung: «Not lehrt beten.» Folgerichtig hiesse die Fortsetzung des Satzes: «Wohlergehen lehrt danken und loben.» Aber diese zweite Hälfte der Aussage unterbleibt meistens oder wenigstens häufig. Wir schlüpfen in die Rolle der Journalisten. Wir beklagen uns bei Gott über das Ungute in unserem Leben und bitten um Abhilfe. Wenn es uns gut geht und nichts Besonderes vorliegt, nehmen wir es als selbstverständlich und vergessen Gott. Darum und umso mehr sollten wir bewusst sagen und beten: «Gott sei Lob und Dank!» Dank kommt von Denken. Wer wirklich denkt, wird dankbar; und von der Dankbarkeit zur Andacht ist nur ein kleiner Schritt. Unser Wort loben ist verwandt mit dem Wort glauben. Im Hintergrund steht die Bedeutung: «Ich habe etwas lieb.» Glauben bedeutet darum, Gott liebhaben. Und wer gläubig Gott liebt, fängt an, ihn zu loben. Böten nicht Weihnachten und der Jahreswechsel Gelegenheit, Gott zu loben und ihm zu danken? Dem Fahrrad, das mich lobt, kann ich nicht danken. Aber ich darf dem danken, der mir auch mit Hilfe meines Fahrrades Gesundheit schenkt und Lebenskraft. Vor allem aber dürfen wir singen: «Gelobet seist Du, Jesu Christ, dass Du Mensch geboren bist … Was hat er alles uns getan, /sein gross Lieb zu zeigen an. Des freu sich alle Christenheit/ und dank ihm des in Ewigkeit (KGB 331).» Das Lied hat recht: Gott zeigt uns an Weihnachten seine Liebe und ruft uns zur Liebe auf. Darum ist und bleibt es wahr: Lob kommt aus der Liebe, und Liebe will loben. Wer also wirklich loben will, muss lieben können. Weihnachten gibt uns die Gelegenheit dazu. können
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=