11 Zwei Meinungen – ein Thema Wehe – wenn euch Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (SH), Psychologin, im Gespräch mit Christophe Büchi (CB). Er studierte Philosophie und politische Wissenschaft. Christophe Büchi arbeitete als Westschweizer Korrespondent verschiedener deutschsprachiger Medien, Essayist und Buchautor. Von 2001 bis 2014 war er Westschweiz-Korrespondent der NZZ. Seither ist Christophe Büchi NZZ-Autor, Publizist und Übersetzer, er wohnt in Champéry (VS) und in Lausanne. alle Menschen loben SH: In unserer Klosterkirche treffen wir uns als Gemeinschaft viermal täglich zum Lobe Gottes: zum Morgenlob, den anbrechenden Tag erwartend; zum Innehalten in der Mitte des Tages; zum Abendlob, wenn sich die Sonne dem Horizont zuneigt; zur Komplet bei hereinschauender Nacht. So halten es Tausende von Klöstern auf der ganzen Welt. Sie bezeugen: Schöpfer, Geschöpf und Kosmos wirken zusammen. Dabei wird deutlich, Lob gebührt Gott und seiner Schöpfung. Dem widerspricht kaum jemand. Anders scheint es mit dem Loben unter Menschen zu sein. Es entlarvt sich nicht selten als riskant, heimtückisch, ja sogar gefährlich. Selbst die Bibel macht uns darauf aufmerksam. In der bekannten Feldrede von Lukas (Lk. 6,26) etwa heisst es: «Wehe – wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.» Oder im Jakobusbrief (3,7-9) lesen wir: «Jede Art von Tieren, auf dem Land und in der Luft, lässt sich zähmen, doch die Zunge, dieses ruhelose Übel, kann kein Mensch zähmen. Mit ihr loben wir Gott, und mit ihr verfluchen wir die Menschen, die als Abbild Gottes geschaffen sind». Und Hermann Hesse wird das ‘böse’ Zitat zugeschrieben: «Lob macht schlechte Menschen noch schlechter und gute unerträglich». Anderseits wird Führungskräften eingeflüstert und Journalisten lauthals gesagt, sie müssten mehr loben. Welcher Mitarbeiter, welche Zeitungsleserin würde da wohl widersprechen? Augenscheinlich ist ein Lob doch etwas Feines. Und da lesen wir in der Tageszeitung unter dem fetten Titel: Hüte Dich vor dem Lob: Es sei eine Eigenart von Präsident Trump, dass jene, die von ihm gelobt werden, mehr Grund zum Zittern hätten als zum Feiern. Steve Bannon, Reince Priebus, Michael Flynn u.a. wurden von ihm gelobt, als sie im Sturm der Kritik standen. Und sie sind unter seiner Präsidentschaft verschwunden. Der Journalist weiss da wohl besser Bescheid. CB: Ich schlage vor, dass wir einstweilen Trump auf der Seite lassen: Über diesen Burschen spricht man ohnehin schon zu viel. In deinem Einstieg gefällt mir vor allem der Anfang. Du erinnerst daran, dass ihr Klosterleute den Tag mit einem Lob beginnt. Ich möchte sagen: «beati voi!», ihr Glücklichen! Da besitzt ihr Klosterleute in eurer Regel einen wirklichen Schatz. Auch ich habe bei meinen Aufenthalten in Klöstern immer wieder erlebt, wie schön – und für einen nicht-klösterlichen Menschen: wie ungewohnt es ist, wenn man den Tag mit einem Lob beginnt. Ich nehme mir dann jeweils vor, im Alltagsleben dies auch so zu halten. Aber wie es so geht: Man macht sich gute Vorsätze – und vergisst sie. In meinem Journalistenleben ist es eben so: Statt mit Morgenlob beginnt der Tag meist damit, dass man das Radio anstellt oder den Computer aufschaltet, um einen Blick zu gewinnen, was in der Welt in den letzten Stunden so vor sich gegangen ist, oder um es im Journalistenjargon zu sagen: um sich einen Überblick über die News-Lage zu verschaffen. Denn schliesslich muss man damit rechnen, dass der Chef oder die Kollegen bald anrufen und fragen, was man in den nächsten Stunden an «Stoff» zu liefern gedenke. So also beginnt der Journalistentag meist gleich mit Medienkonsum, und dieser ist leider selten dazu angetan, einen zu einem Morgenlob anzustiften. Fazit: Ich finde «das Loben» eigentlich schon etwas sehr Schönes und Feines. Eine andere Frage ist natürlich, was oder wen man loben soll und will. Und noch eine andere Frage ist, ob wir es beim Loben immer ehrlich meinen. Und da wären wir dann wieder bei Trump. SH: Auch ich weiss um die Kraft des Wertschätzens und Anerkennens zwischen Menschen, weiss aus Erfahrung, wie wohl es tut. Doch, ich muss ehrlich gestehen, mit dem Loben von Menschen habe ich meine Mühe; es begegnet mir zu oft als hohles verbales Schulterklopfen,
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