12 Zwei Meinungen – ein Thema als billiges Abspeisen oder noch schlimmer als Vereinnahmen. Ich vermisse das eigentliche Interesse an dem, worum es sich handelt, das Sich-Einlassen und Einfühlen in die Person bzw. die Aufgabe, um die es geht, kurz gesagt: den Respekt, die Achtung. Da erzählte ich doch kürzlich einer Berufskollegin, der ich es zutraute, von einer schwierigen Beratungssituation. Ohne jegliche Denkpause meinte sie, ich mit meiner Erfahrung würde das bestimmt gut hinkriegen! Dieses, wohl gut gemeinte aber billige Kompliment liess mich im Leeren. Ich spürte weder Resonanz noch Interesse noch ein Anteilnehmen bei ihr. Vermutlich konnte oder wollte sie sich nicht einlassen. Das ist ihr gutes Recht. Nur mit dem voreiligen Kompliment traf sie daneben. Es ist mir bewusst: in der Beratungstätigkeit lauert immer ein gutes Stück Gefahr der «déformation professionnelle». Zu oft tönt der Sirenengesang des Lobens durch. Menschen fühlen sich durch Lob erniedrigt, nicht ernst genommen, unfair verglichen, bewertet, beschämt, verzweckt. Anderseits ist der Klagegesang über fehlendes Lob unüberhörbar. Und das nicht nur im Beruf, sondern auch in persönlichen Beziehungen. Ob ich eine Äusserung meiner Chefin, meines Kollegen, meines Partners als echtes oder gönnerhaftes Lob deute, hängt zum guten Teil an meinem Selbstverständnis, meiner Selbstachtung. In meiner Person liegt der Resonanzboden dafür. Damit er ins Schwingen kommt, braucht es die andern. Aber auch das Eigenlob, das aus Treue und Dankbarkeit zum eigenen Naturell, zum gelebten Leben kommt, stinkt nicht! Es fordert vielmehr Mut und Demut. CB: Bevor ich auf das Thema eingehe, das dich umtreibt, nämlich das gute und das faule Loben unter Menschen, möchte ich nochmals auf meinen Ausgangspunkt zurückkommen und das Lob des Lobens anstimmen. Wie gesagt, ich finde es schön, wenn man jeden Tag mit einem Lob beginnt. Ich finde es schön, wenn man jeden Tag aufwacht und sich sagt: Es ist schön, dass die Welt noch da ist, und es ist schön, dass ich noch da bin, als kleiner Teil dieser grossen Welt! Was mir am Lob gefällt, ist das Lob als existentielles Grundgefühl. Dieses Lob hat eigentlich keinen menschlichen Adressaten: Es richtet sich an den Schöpfergott, oder, für nicht-religiöse Menschen, an die Schöpfung: an Mother Earth, wie man heutzutage so schön sagt. Wobei diese Freude an der Schöpfung keineswegs Trauer und Zorn über das, was sie kaputt macht, ausschliesst – ganz im Gegenteil. Und nun komme ich zu deiner Frage, dem Lob unter Menschen. Aber auch da möchte ich zuerst mit dem Lob des Lobens beginnen. Es heisst ja – aber diese Sachen kennst du viel besser als ich –, dass Menschen, die nie gelobt worden sind, einen schweren Stand im Leben haben. Also: Lob ist gut für das Leben; aber natürlich nicht faules, wohlfeiles Lob, sondern Lob, das aus dem Herzen kommt. Aber du hast natürlich recht: Es gibt auch das andere Lob, eben: das faule, also: das rasch dahingesagte Kompliment, dem es nur darum geht, sich eines Menschen rasch zu entledigen, oder ihm zu schmeicheln, um ein Gegengeschenk zu ergattern. Entscheidend ist wahrscheinlich, wie du zu Recht sagst, nicht so sehr das Lob an sich, sondern die Anerkennung, die es ausdrückt, oder bescheidener ausgedrückt: die in ihm durchscheinende Aufmerksamkeit, die ja eine Vorstufe der Anerkennung ist. Ich möchte noch etwas anfügen, bevor ich dir den Ball wieder zuspiele. Als Journalist arbeite ich in einem Beruf, in dem man nicht sehr viel Lob bekommt. Man bekommt eigentlich, so eigenartig dies bei einem so öffentlichen Beruf scheinen mag, auch nicht viel Anerkennung oder auch nur Aufmerksamkeit. Vor allem seit der Erfindung der sogenannten Social Media – Twitter und Compagnie – stelle ich fest, dass die Leute, wenn sie überhaupt auf einen Medienbeitrag reagieren, dies meist husch-husch machen, ohne sich Zeit zu lassen. Da muss ich schon sagen: Etwas mehr Lob, oder zumindest: etwas mehr Aufmerksamkeit wäre mir gelegentlich schon recht! SH: Lob als existentielles Grundgefühl gefällt mir, bringt Licht ins Dunkel, das mir bei ratsuchenden Menschen immer wieder begegnet. Es trifft sich mit dem, was ich als Grundhaltung der Lebensdankbarkeit in mir trage. Sie bewirkt jene Einstellung, die nichts als selbstverständlich nimmt. Was ich vorfinde, zeigt sich mir als Geschenk und Aufgabe. Das hält mich wach, lebendig und aufmerksam für die Gesten echten Anerkennens: den freundlichen Blick, das bestätigende Nicken, das einladende Dazugehören. Wer wüsste sie nicht zu schätzen! Ich möchte aber auch wach und aufmerksam bleiben für die Zeichen faulen Lobes. Sie ziehen vom Eigenen weg, machen abhängig, wirken als Energie- und Freudekiller. In der Beratung von Mobbing- und Burnout-Opfern kommen sie mir getarnt etwa so entgegen:
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