baldeggerjournal

13 Als Lob mit angehängter Kritik: Sie arbeiten zuverlässig, aber der Output stimmt noch nicht; als bestechende Belohnung: weil Sie so effizient sind, geben wir Ihnen diese drei Dossiers auch noch dazu; als demütigendes Verstehen: ich spüre gut, dass Ihre private Situation Sie sehr fordert, darum nehmen wir diese Aufgaben von Ihnen weg; als Blendung: Sie können so gut auf Menschen zugehen, darum sehen wir Sie besser im Empfang. Solches Wegloben beschämt, kränkt und schwächt. Es kratzt am Selbstvertrauen, schafft Misstrauen gegenüber Kollegen und Vorgesetzten, macht hilflos. Von da zum Lob als existentiellem Grundgefühl ist ein weiter und mühsamer Weg. CB: Die Beispiele aus deiner Praxis, die du anführst, sind typische Beispiele für jenes gerade im Wirtschaftsleben oft eingesetzte Pseudo-Lob, das – unter dem Deckmantel des Kompliments – den Adressaten zu manipulieren versucht.Wir leben ja in einer Wirtschafts- und Konsumgesellschaft, die die Menschen permanent umschmeichelt und umgarnt. Dabei geht es aber nicht um das Wohl der Menschen, sondern um das Wohl des Konsums, also um das Geschäft. Mit dieser Form von Pseudo-Lob habe ich natürlich nichts am Hut, so wenig wie du. Und dennoch möchte ich nochmals ein Wort für das gute Lob einlegen – ich bin halt, aber das wusstest du wohl schon, ein hartnäckiger Mensch ... Ich lebe als Journalist in einem Berufsstand, der wenig gelobt wird, der aber auch wenig lobt. Es gibt ja diesen berühmten Spruch über den Journalismus: «Züge, die rechtzeitig ankommen, sind keine News, aber verspätete Züge sind eine News.» Wie alle Bonmots hat auch dieses einen wahren Kern, und es stimmt ja: Das von-derNorm-Abweichende ist das Interessante. Nur ist dieses Bonmot auch wieder falsch und gefährlich. Denn man könnte davon ableiten (und viele Journalisten tun es auch), dass nur das Negative und das zurKritik-Verleitende wert ist, berichtet zu werden. Und man stellt ja auch fest, dass die Medien meist ein Weltbild transportieren, das nicht von Hoffnung durchtränkt ist, und viele Journalisten ihre Rolle vor allem darin sehen, Missstände zu benennen und zu kritisieren. Dies ist ja auch in der Tat ein wichtiger Teil des Berufs, aber er ist nicht der einzige. Ich würde sagen: Wir müssen der Wahrheit und der Wirklichkeit verpflichtet sein, und diese setzt sich eben aus Gutem und aus Schlechtem, aus Lobenswertem und aus Negativem zusammen. Und deshalb vermisse ich in meiner Arbeitswelt doch immer wieder die Bereitschaft zu «Lob und Preis», um es etwas altmodisch zu sagen. Natürlich, Lobhudelei für die Starken, die Schönen und Reichen findet man in den Medien genügend. Ich wünschte mir aber mehr Lob für die Kleinen, die Unauffälligen und die Unscheinbaren. «Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar», hat die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann einmal geschrieben. Aber wer sagt, dass die Wahrheit hoffnungslos sein muss? Und wer sagt, dass manches in der Welt nicht verdient, gelobt zu werden? SH: Nur, wir müssen es sehen und erkennen: Dass das Haar in der Suppe rascher erkannt wird als ihr Geschmack, ist auch eine Wahrheit. Ich vermute, dass die unermüdliche «Feedbäckerei» – gipfelnd im 360°-Feedback – unsere Sicht auf das Fehlende, das Ungute getrimmt hat. Für das Gute, Schöne und Wahre sind wir weniger spürig. Darum fallen Lob und Dank oft kärglich aus. Wir haben vergessen, dass kein Mensch von dem lebt, was er nicht hat. Wirklichkeiten finden wir vor, den menschen- und schöpfungsgerechten Umgang damit müssen wir lernen – ein Leben lang. Dabei bleiben wir uns selber, dem Mitmenschen, den übrigen Geschöpfen und dem Schöpfer manches schuldig. Das ist nicht Grund zur Klage, vielmehr Aufforderung, uns wecken zu lassen. Bleiben wir wach in dieser Welt, offen für den Himmel. Singen wir Lob und Dank – wieder und wieder.

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