baldeggerjournal

3 Bereich unseres Erkennens. Das Glauben ist fast der Normalfall des Erkennens. Zwei kleine Beispiele mögen genügen. Wir atmen ein und aus. Wir tun es in der selbstverständlichen Annahme, die Luft sei nicht vergiftet. Wollten wir die Atemluft vorgängig zum Atemholen überprüfen, wären wir längst erstickt, ehe die Unschädlichkeit festgestellt worden wäre. Ähnlich essen wir vertrauensvoll die Speisen ohne vorgängige Überprüfung ihrer Unschädlichkeit. Das war nicht immer so. Daran erinnert die italienische Wendung fare la credenza, nämlich «eine Probe der Glaubwürdigkeit vornehmen.» Dieses Probieren war die Aufgabe des Mundschenks. Er hatte für die fürstliche Tafel die Speisen und Getränke auf ihre Unschädlichkeit hin zu kosten und auf einen besonderen Tisch zu stellen. Diesen Anrichtetisch nannte man bezeichneterweise Kredenztisch oder einfach Kredenz als den Tisch der Glaubwürdigkeit. Derart glaubte der Fürst dem Vorkoster; und darum glaubte er, dass die Speisen bekömmlich seien. Mithin glaubte der Fürst, dass etwas so ist, weil er dem glaubwürdigen Zeugen Glauben schenkte. Diese Beispiele zeigen: Neben dem DuGlauben der vertrauensvollen Beziehung zum Anderen gibt es den Dass-Glauben, der sich auf bestimmte Sachverhalte bezieht. Ich glaube, dass etwas so und nicht anders ist, weil ich dem glaube, der mich als glaubwürdiger Zeuge von der Wahrheit überzeugt hat. Diesen Zusammenhang zwischen DuGlaube und Dass-Glaube gilt es besonders im Blick auf die Glaubenswahrheiten ernst zu nehmen. Einst haben wir im Katechismus gelernt: «Glauben heisst, fest für wahrhalten, was Gott uns geoffenbart hat und was uns die Kirche zu glauben lehrt.» Diese Antwort ist auch heute keineswegs falsch; aber vielleicht stehen die Glaubenswahrheiten zu sehr im Vordergrund. Das vergangene Konzil hat in diesem Sinne den Begriff der «Hierarchie der Wahrheiten» geprägt. Das Konzil wollte damit sagen, dass es eine bestimmte Rangfolge innerhalb der Glaubenslehre gibt, und zwar, je nachdem, wie eine einzelne Glaubenswahrheit mit dem Fundament des christlichen Glaubens zusammenhängt. Das Fundament des Glaubens ist Gott selbst in seinem unbegreiflichen und unergründlichen Geheimnis. Bei allem Nachdenken über die Glaubenswahrheiten gilt es, dieses Geheimnis zu wahren. Dieser Rückbezug auf Gott als unbegreifliches und unergründliches Geheimnis bewahrt uns davor, eine einzelne Glaubenswahrheit absolut zu setzen. Damit mahnt er uns, den Dass-Glauben im DuGlauben begründet zu sehen. Endlich ermöglicht er den kürzesten und einfachsten Begriff des Glaubens. Glauben heisst, bewusst in der Gegenwart Gottes zu leben. Was damit gemeint ist, zeigt uns die Bibel. Biblisch gesehen, heisst glauben: Sich wie Abraham auf den Weg machen, auf Gottes Ruf und Verheissung hin. Abraham, ein kinderloser Greis, soll Vater eines grossen Volkes werden. In diesem Glauben verlässt Abraham seine Heimat und geht einer ungewissen Zukunft vertrauensvoll entgegen. Er baut auf Gottes Treue und überlässt sich getrost dem Geheimnis Gottes. Vergessen wir nicht: Dieser Abraham ist der Vater auch unseres Glaubens, wie Paulus im Römerbrief sagt (Röm 4,17). Ich muss daran glauben... Doch denken wir noch einmal an unseren gewöhnlichen Alltag. Wir können alltäglich mit Wilhem Busch glauben, dass es anders kommt, als wir glauben. Wir können auch mit den Kölnerinnen und Kölnern daran festhalten, dass es, was immer wir glauben, kommt, wie es kommt. Auf jeden Fall wird jeder von uns manchmal im Leben dran glauben müssen, spätestens aber und unweigerlich beim eigenen Sterben. Die Redensart «daran glauben müssen» beruht auf der Wahrnehmung, dass wir vor drohender Widerwärtigkeit gerne die Augen verschliessen, bis die Wucht der Tatsachen uns nötigt, die Wirklichkeit anzuerkennen und mit den Kölnern zu sagen: «Es ist, wie es ist.» Welch ein Trost, dass wir, die wir im Verlauf des Lebens und an seinem Ende so viel haben daran glauben müssen, immer auch noch sagen dürfen: «Es hätt noch imer jot jejange». Die Kölnerinnen und Kölner haben recht: Wie oft wir auch haben dran glauben müssen, wir dürfen auf einen guten Ausgang hoffen. Diese Hoffnung ist der Kern unseres Glaubens. Wir glauben getrost, dass Gott es gut mit uns meint und – Ends aller Enden – gut mit uns macht. So haben wir denn über unseren Glauben nachgedacht. Was ist das Ergebnis? Sagen wir es noch einmal ganz einfach: Glauben heisst, ich lebe bewusst in der Gegenwart Gottes. In der Gegenwart Gottes leben alle Geschöpfe, ob sie glauben oder nicht. Im Glauben aber wird uns diese Gegenwart bewusst; und in der Hoffnung wird uns dieses Bewusstsein zur tröstlichen Gewissheit. In dieser tröstlichen Gewissheit mündet der Glaube im Lobe Gottes. Deshalb mündet christlich der Glaube nicht dort, wo wir dran glauben müssen, sondern dort, wo wir getrost glauben dürfen. Halten wir darum als Botschaft fest: Glauben hat es – nicht nur sprachlich – mit der Liebe und dem Lob zu tun. Gott sei Lob und Dank für das Geschenk unseres Glaubens!

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