5 Meinen Glauben nähren Können Sie sich an die Kar- und Ostertage 2017 erinnern? Hängen in Ihrem Gedächtnis noch Fetzen vom Wetter, von Begegnungen, vom Aufenthalt am See, in den Bergen oder in der Kirche? Haben Sie erfahren, dass das Geschehen dieser Tage etwas mit Ihrem Leben zu tun hat? Manchmal muss ich richtig tief graben, um an das Erlebte heranzukommen. Die Fülle des Alltags deckt es schnell wieder zu. Ich erinnere mich zuerst an die warmen Frühlingstage und die prächtig blühenden Bäume, den Vollmond und die fleissigen Störche, die sich auf dem Kamin unseres Technikgebäudes ein Nest gebaut haben. Am Palmsonntag traf mich dieser Satz aus der Leidensgeschichte: Während Pilatus auf dem Richterstuhl sass, liess ihm seine Frau sagen: «Lass die Hände von diesem Mann, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen schrecklichen Traum. (Mt 27,19)». Pilatus wusch sich daraufhin seine Hände vor den Augen aller Leute. Wir kennen seine Worte: «Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache» (Mt 27,24). Und er gab den Befehl, Jesus zu geisseln und zu kreuzigen. Wie viele Menschen sind heute unschuldig, kommen unter die Räder, werden ihres Lebens beraubt? Wie viele klare Zeichen werden überhört, die wie bei der Frau des Pilatus aus der Tiefe hochsteigen? Die Zeit vom Hohen Donnerstag bis Ostern haben wir Schwestern der Klosterherberge mit unseren Gästen geteilt. Wie ein Puzzle gestalteten sich diese Tage mit ihrem je eigenen Gepräge, fügten sich Teile zu einem Ganzen: die Stille im Gebet, meditative Gedanken zum Symbol der Dornenkrone, ergreifende Klänge aus der Johannes-Passion bis hin zur gemeinsamen Feier der Osternacht. Der Theologe Prof. Dr. Renold Blank ging in seiner «Einstimmung zu Ostern» den Fragen nach, weshalb Jesus am Kreuz sterben musste und worin sein Konflikt mit dem damals herrschenden religiösen System bestand. Eindrücklich erläuterte er auch die theologische Bedeutung der Auferstehung. Mir wurde bewusst, dass es im Laufe der Geschichte ganz unterschiedliche Deutungen des Todes und der Auferstehung Jesu gab. Ebenso, dass dieser Prozess andauert und eine persönliche Auseinandersetzung einfordert. Die Kar- und Ostertage haben mich als glaubenden Menschen auf ganz verschiedene Weise angerührt und herausgefordert. Es bereichert mich, wenn sich mir etwas Neues aus der Bibel erschliesst und ich verstandesmässig mehr und tiefer verstehe, was Jesus gewollt und gelebt hat. Ich empfinde Glücksgefühle, wenn religiöse Kunst und geistliche Musik in mir eine Tiefenschicht anrühren. Und ich bin froh, dass ich meinen Glauben mit anderen Menschen teilen darf – im gemeinsamen Beten und Feiern. Diese unterschiedlichen Erfahrungen beleben meinen Glauben, sie stärken und ermutigen mich, mein Leben aus dem Glauben heraus zu gestalten. Als Glaubende möchten wir in der Klosterherberge verschiedene Zugänge eröffnen. Unsere Gäste erfahren, dass ihnen grosse Kraft und innere Freude zukommt, wenn wir miteinander, füreinander und aneinander glauben. Mit uns zusammen können auch Sie pilgern, ein Bibelteilen erleben, sich christlich-ethischen Fragen stellen oder ganz einfach beten und meditieren. Vielleicht lockt Sie dies auch? Sr. Katja Müller, Baldegg
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=