baldeggerjournal

8 Ehemalige Matura in Fribourg gemacht; in Herisau seine Militärzeit absolviert; auf der Hauptpost in St. Gallen ein erstes Reisegeld verdient; Rucksack gepackt; sich allseits verabschiedet und dann weggefahren für ein Jahr: zu Fuss von Mailand nach Sizilien. MILANO Es war Winter, neblig und bissig kalt, wie es in Mailand sein kann; es fiel sogar Schnee; «Graupelschauer» sagten die Deutschen am Abend in der Jugendherberge. Der Wanderer wurde zum Stadtwanderer. Er suchte das Zentrum. Vom berühmten Dom hatte er gehört. So kam er von der «Scala» her im Strom der Leute auf den Domplatz. Es war Sonntag. Die Höhe der Häuser und der Geschäfte und drin die unverhoffte Weite des Platzes, darauf die schwatzende Menge mit den Bergamasker Musikanten, mit ihren lustigen Dudelsäcken und mitten in allem der übergrossmächtige Dom. Für den Wanderer war alles viel zu gross; er brauchte Abstand. Im Innern des Domes war es dunkel, ein Gewimmel wie auf dem Platz. Die Leute gingen, schauten, redeten und zündeten vor der Muttergottes die langen Opferkerzen an, die brannten dort wie ein Wald. Plötzlich wurde es dem Wanderer unheimlich. Er verstand die Sprache nicht, stand allein herum. Mit einem Mal fuhr es in ihn: mich kennt hier niemand. Niemand! Hier nicht, in der Stadt nicht, in Italien nicht, ein ganzes Jahr lang nicht! Unterdessen war er vor dem Hauptaltar angekommen. Jugendliche knieten auf den Stufen, schauten zum Ewigen Licht, zum Tabernakel. Der Wanderer stand dabei. Die Andacht der Knieenden berührte ihn, drang in ihn ein. Dort, im Tabernakel war doch jener, der alle kannte. Er kannte auch ihn? PADOVA Selbstverständlich wusste der Wanderer etwas vom Antonius, vom Kässeli am Kirchenausgang daheim, von dem seine Mutter allerdings nicht viel hielt; sie lehrte ihre Kinder tapfer suchen. Es war wärmer geworden. Der Obst- und Gemüsemarkt glänzte in seinen prächtigsten Farben. Das ganze Interesse des Wanderers jedoch galt der nahen «Scrovegnikapelle». Er wollte die über hundert Fresken Giottos sehen. Also, am ersten Tage schon, beizeiten dorthin. Er war allein; ab und zu kam eine Gruppe, schlenderte den beiden Wänden entlang und ging wieder. Zweimal stand der Custode kurz unter der Eingangstür. Am Mittag schüttelte er den Schlüsselbund und als der Wanderer an ihm vorbeiDr. P. Werner Hegglin, Horw Ein Wanderer

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