9 ging, musterte er ihn sehr befremdet. Am zweiten Morgen dasselbe. Die Fresken wirkten immer stärker. Der Wanderer kannte bisher nur Kopien, jetzt sah er Originale. Für den Custoden war es am dritten Morgen zuviel. Er kam, schaute zu beim Zeichnen und fragte plötzlich unvermittelt: Geht es ihnen nicht gut? Der Wanderer verstand – sagte dann, er wolle aber jeden Tag kommen. Das war nun gar nicht das, was der Custode hören wollte. Dieser fremde Junge mit der Windjacke war unheimlich. Was wollte er? So blieb es bis Ende Woche. Am letzten Morgen kam der Custode häufiger. Er hatte bemerkt, dass der Besucher stundenlang beim gleichen Bilde sitzen blieb. Da konnte doch etwas nicht stimmen? – Es war die Beweinung Christi. Jesus wird niedergelegt; seine Mutter hält seinen Kopf; drei Frauen halten den Leib mit innigster Sorgfalt: um den Hals, an beiden Händen, an beiden Füssen. Oben, aus einem grossen Himmel stürzen zehn wilde Engel herab, wehklagend, verzweifelt rufend und händeringend. Was soll da der Betrachter? Er bleibt fassungslos. ASSISI In Arezzo hatte der Wanderer den «Tod des Adam» gesehen. Unvergesslich! Adam sass nackt auf der blossen Erde, halb aufgerichtet; die alte Eva stand und stützte von hinten seinen Kopf; Adam sagte seine letzten Worte; er sprach mit leicht erhobener rechten Hand; eine Tochter, zwei Söhne standen dabei. Jetzt war der Wanderer auf dem Weg nach Assisi. Weinberge um Weinberge, überall; den Wegen entlang die Trockenmauern. Sie folgen den Wegen, wie wenn sie Pilger in die Ewigkeit begleiten wollten. Der Wanderer war Pilger geworden. Er dachte an den Tod, an Adam und Eva. Er dachte: sie haben uns den Tod vererbt. Wir vererben ihn weiter. Endlos. Es ist traurig. Hat es nicht ganz anders angefangen? Und er dachte an die endlos lange Kette seiner Vorfahren. – Er dachte an den Anfang, an Adam und Eva. Als er in Assisi ankam, weinte er. Ein Franziskaner sah ihn weinen, nahm ihn am Arm und führte ihn zur stillen Krypta, zum Sarkophag des Heiligen. Dort liess er ihn, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte: Bleibe hier. In einer Stunde komme ich wieder. So blieb der Wanderer bei Franziskus. Von der Armut des Heiligen hatte er oft gehört, verstand aber nichts davon. Er blieb weiterhin bei Adam und Eva. Als der Franziskaner zurückkam, fragte der Wanderer wie aus einem Traum, ob die Armut ein freiwilliger Tod sein könnte? Der Franziskaner sah ihn erschrocken an. Ja, sagte er tonlos. CASTELGANDOLFO Unterdessen war der Wanderer nach Rom gekommen, lernte die Stadt bald gut kennen und sprach ein brauchbares Italienisch. An einem heiteren Abend, auf belebter Strasse, erschrak er; er hörte hinter sich eine Bärenstimme: Was tust denn du hier? Er drehte sich um, erkannte einen Pater aus Luzern und antwortete keck: Ich suche Arbeit! Der Pater grüsste, redete etwas von Arbeitslosenzahlen und lud zu einem Glas ein. Er war jedoch pressiert, stand bald auf: Ich werde schauen. Komm morgen zum Mittagessen. Das Essen war dann gut, der Bericht auch: Drei Monate Arbeit in Castelgandolfo. Dort war eine Villa mit grossem Umschwung und dort wurde der Wanderer den beiden Gärtnern unterstellt, der Grosse war für den Park, der Kleine für die Gemüsefelder. Der grosse Gärtner: mächtig, eindrücklich. Er erzählte gern. Immer wieder vom Krieg, von der Wehrmacht, von der Ostfront. Ich bin Sanitäter, sagte er, habe nie geschossen. Er schwärmte von den grenzenlosen Weiten russischer Landschaften und dann – sein Gebiet – von der russischen Pflanzenwelt. Er zeigte ihm dutzende Pflanzenskizzen, sorgfältig eingefärbt; erzählte von Fundorten und von der Hilfe der Zivilbevölkerung beim Suchen. Am Ende kam er immer auf sein Thema: Die Sonne sei heilig, sie sei als göttlich
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