baldeggerjournal

10 Ehemalige zu verehren. Er zeigte Briefe an seine Ordensobern, die er zu überzeugen versuchte. Leider ohne Wirkung. Der grosse Gärtner: ein frommer Soldat, ein heiliger Ordensbruder. Der kleine Gärtner: war ebenso eindrücklich. Eine drahtige Gestalt, ein täglicher Schwimmer. Auch er sprach vom Krieg, von der Wehrmacht, von Griechenland. Jahre war er auf Kreta Fliegerbeobachter gewesen, aber es fehlten feindliche Flugzeuge. Begeistert erzählte er von der Insel; immer wieder vom Meer, vom unendlichen Wasser und immer wieder von den wilden, unzugänglichen Bergen und sagte trocken: wer das nicht merkt, ist selber schuld. Der kleine Gärtner: ein frommer Soldat. Beide heilige Ordensbrüder. Der Wanderer hatte Heimweh nach ihnen, noch lange. ROMA Der Wanderer arbeitete im grossen Gemüsefeld; da wurde er vom kleinen Gärtner ans Telephon ins Haupthaus gerufen. Es war der Pater in Rom: Komm morgen mit dem ersten Bus, für eine Woche. Alles weitere später. Anderntags war er zeitig da. Im Lift vernahm er, ein Photograph aus St. Gallen sei angekommen. Er mache Aufnahmen für ein Buch, kenne aber Rom nicht und könne auch kein Italienisch. Dabei schwenkte der Pater ein grosses Papier: da seien alle Aufnahmeorte aufgelistet. Der Photograph war ein heiterer, selbstbewusster junger Mann, verliebt in seinen Beruf; es war leicht, sich mit ihm anzufreunden. Es gehe um das Leben des Santo, kürzlich heiliggesprochen, erklärte der Pater. Du musst mitgehen wegen deiner Ortskenntnisse und der Sprache; alles andere sei im Moment unwichtig. Zuerst auf der Liste: die Tiberbrücke, nach Testavere hinüber. Der Photograph wollte sofort beginnen; er schritt hin und her auf der Brücke, dann am Ufer Tiber auf- und abwärts; kein Ort wollte passen, alles konventionell; bis ihm dann einer der Brückenpfeiler Eindruck machte; dafür wollte er ein Boot mieten, irgendwo auf dem Strom sollte der beste Blickwinkel sein. Alles für den Santo. Als zweites kam das Geburtshaus. Es musste in der Nähe des «Campo dei fiori» sein, in der Abzweigung einer Seitenstrasse. Am Ende allen Suchens war es dann ein schmales siebenstöckiges Haus. Der Wanderer musste mit den Leuten verhandeln; es ist ja nicht jedermanns Sache, einen Fremden in die Wohnung zu lassen, zudem einen, der aus jedem Fenster gucken wollte. Der Wanderer beschwichtigte jeweils, es gehe um den Santo. Ein sicherer Schlüssel. Auch bei der Primarschule ging es um den Santo. Endlich gefunden, war es ein einmaliger alter Innenhof. Als wir ankamen, ging ein Lichtstreifen der Sonne am Boden quer hinüber zur Schule. Nun wollte der Photograph um jeden Preis warten, bis der Streifen direkt zum Schuleingang führte. Wann wird es soweit sein? Und überhaupt? Zudem sollte der Wanderer einen Buben organisieren, der auf dem Lichtstreifen dann direkt auf die Schulpforte zuginge. Dieses Bild musste es sein. Unbedingt. In den Nächten während der Woche las der Wanderer die Biographie. Der Santo war tatsächlich nie aus dieser römischen Altstadt herausgekommen. Er war ein Priester, der Tag und Nacht an seinem Orte lebte und dort alles tat für die Erneuerung der ganzen Welt. MONTE SANT‘ ANGELO Nachdem der Wanderer im Klösterlein von Padre Pio gebetet hatte und um seine riesigen Spitalbauten herumgegangen war, nahm er einen Bus Richtung Gargano, er wollte nach Monte Sant‘ Angelo. Im Bus sass vor ihm ein Mann, eine grosse Landkarte auf den Knien, ein Deutscher, der auch zum Erzengel Michael wollte. Im Hospiz, nach dem Nachtessen, trafen sie sich wieder, der Deutsche mit der Karte und dazu ein Michaelsbuch. Das Buch sei eine Forschung zu den frühmittelalterlichen Wallfahrtswegen, diese möchte er nachprüfen, um so in die Anfänge der Wallfahrt hineinzukommen, und wenn er, der Wanderer, interessiert wäre, würde er sich freuen über einen Begleiter. Der Wanderer sagte zu. Der Mann war Anthroposoph, äusserst bewandert in der Engelwelt; über Michael in Europa wusste er alles; er erzählte genau und interessant und sie blieben beim Buch und bei der Karte bis tief in die Nacht hinein. Drei Wege wollte der Führer erkunden. Am Fusse des Gargano den Einstieg eines Weges finden, dann folgen soweit wie möglich. Was er und der Wanderer vergessen hatten: Es lagen tausend Jahre dazwischen! Die alten Leute bei den Häusern, wo ein berühmter Weg beginnen sollte, wollten von gar nichts wissen. Es habe hier noch nie einen Pilgerweg gegeben; sie empfahlen weit entfernte andere Wege; zum Schluss hiess es, wir sollten doch die teure neue Autobahn nehmen. Der Wanderer versuchte, wie daheim in den Bergen, Geländeschnitte zu machen, um so die gesuchten Wege aufzudecken. Der kämpfte sich, bergauf und quer durch Gestrüpp und Dornen; es gab einzelne verstreute Spuren im Fels, aber keine Wege. Der Führer war erschöpft, kontrollierte seine Karte, las in seinem Buch; aber die tausend Jahre blieben dazwischen. Am zweiten Tage wollten die beiden es besser machen; es blieb aber dasselbe. Der dritte Weg gab einen Lichtblick. Er begann mit einer Schafweide und mit einem Hirt, Gewehr und Patronengurt vor der Brust. Ja, man könne schon hinauf, aber uns beiden wolle er es schon gar nicht anraten. Als er «pellegrini» hörte, spuckte er verächtlich aus.

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