12 Zwei Meinungen – ein Thema Woran glaubt, wer nicht glaubt? Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (SH), Psychologin, im Gespräch mit Josef Bättig (J.B.), Dr. phil., früher Kantonsschullehrer, heute Vortragstätigkeit, Autor und Dozent für deutsche Literatur an der Senioren-Universität, Kulturpreisträger des Kantons SZ S.H. Mag sein, dass in unserer Zeit der Glaube schwindet. Mag sein, dass früher stärker und unangefochtener geglaubt wurde. Mag sein, dass für uns religiös erkaltete Gesellschaften des Westens der «Himmel» weitgehend leer ist. Und doch, irgendwie bleibt das Glauben auch heute allgegenwärtig. Ja, ich meine sogar: Wir moderne Menschen müssen – um mithalten zu können – weit mehr glauben als frühere. Denn wir müssen oft blindlings vertrauen, weil uns so viele Zusammenhänge verborgen bleiben. Und dieses Wissen, das uns zwingt zu glauben, wächst rasant, hat zudem eine immer kürzere Halbwertzeit. In der Beratung von Menschen, die sich als glaubensfern verstehen, mache ich nicht selten religiöse Erfahrungen besonderer Art: Existentiell getroffen, ob im Glück oder im Unglück, brechen ihre religiösen Ressourcen oft heilsam hervor. Nicht selten erschrecken sie darob. J.B. «Mag sein ...» Schon die Wortwahl, mit der du das Gespräch zum hochaktuellen Thema eröffnest, umschreibt die gegenwärtige Glaubenskrise sehr genau. Ohne lange überlegen zu müssen, spüren wir hinter diesem «Mag sein ...» Hier wird differenziert gefragt. Sobald wir uns von alarmierenden Statistiken über tiefgreifende Glaubensdefizite distanzieren, reagieren wir verunsichert. Etwas wehrt sich in uns, in diesem hochdifferenzierten Zusammenhang gleich von radikal ungläubigen Menschen zu sprechen mit der blossen Begründung, sie würden nur selten oder nie eine Kirche besuchen. Dazu eine heitere Episode: «Ich bin Atheist – Gott sei Dank!», sagte mir kürzlich in knapper Schärfe ein humanistisch gebildeter Kollege, ohne den Widerspruch in seinem für ihn befreienden Glaubensbekenntnis zu bemerken. Es «mag sein», dass er wirklich an keinen Gott glaubt. Vielleicht dürfen wir annehmen, er habe zu lange unter einem finsteren, auf Strafe, Vergeltung oder gar Rache besetzten Gottesbild gelitten, um es endgültig aus dem Arsenal tiefsitzender Kindheitserinnerungen zu streichen. Ein Glück, wenn ihm dies nach reifer und geduldiger Überlegung gelungen ist. Was hat sich im vergangenen halben Jahrhundert derart tiefgreifend verändert? Denn an unsere moderne Glaubenskrise haben die Verfasser des über Generationen bewährten alten Katechismus kaum gedacht. Die ältere Generation erinnert sich: Auf die Frage: «Was heisst glauben?» folgte die schlichte Antwort: «Glauben heisst, alles für wahr halten, was Gott geoffenbart und die Kirche zu glauben lehrt.» So einfach und übersichtlich lösten sich einst die grundlegendsten Fragen des Glaubens. Eine derart knappe Katechismus-Antwort setzt ein in sich geschlossenes katholisches, unangefochtenes Weltbild voraus, das keine Glaubenszweifel zulässt. Und nun das Unerwartete: Dieses geschlossene Weltbild wird seit bereits zwei Generationen aufgebrochen und grundlegend geändert. S.H. Du fragst: was sich im vergangenen halben Jahrhundert derart tiefgreifend verändert habe. Plakative Antworten liegen nahe, aber taugen wenig. Wir können und wollen nicht hinter die Aufklärung zurück. Tagtäglich profitieren wir vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt und geniessen den Segen des Wohlstands. Doch die Wirkungen des Fortschritts sind ambivalent. Ich denke an die enorme Mobilität, die üppigen Konsumtempel, die unbegrenzte digitale Erreichbarkeit, die rasanten Veränderungen am Arbeitsplatz. Die Nebenwirkungen sind unübersehbar. Wer täglich mit Menschen in schwieriger Situation zu tun hat, steht oft ernüchtert davor. Für mich wurzelt unsere Glaubenskrise immer deutlicher in einer verkürzten Sicht auf Welt und Mensch. Ich habe es im Katechismus gelernt und das Leben hat es mich gelehrt: Gott ist der Schöpfer dieser Welt, und wir Menschen sind Geschöpfe dieses Gottes, der vorbehaltlos unser Heil will. Und dieser Schöpfergott denkt gross vom Menschen als seinem Ebenbild. So bekennen wir es im katholischen Credo. Die Konsequenzen sind gravierend. Unser Zugriff auf Unverfügbares wird eingeschränkt, dafür weitet sich die Erlebnisfähigkeit. Sie hebt uns über das Vordergründige hinaus ins grössere Ganze der Schöpfung. Diese Zugehörigkeit gibt dem Geheimnis Raum, weist der Machbarkeit ihre Grenzen und öffnet uns für den Schöpfer. Dem gegenüber steht ein anderes Lebensgefühl, eingefärbt von der Überzeugung: Wir Menschen sind nichts anderes als hochkompliziert organisierte Materie, geworfen in eine rein materielle, zufälWie antworten?
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