13 lig entstandene Welt. Das sind Elemente des naturalistischen Credos. Auch diese Konsequenzen sind gravierend. Welt und Mensch nehmen immer unverhüllter Waren- und Marktwert an. Der Mythos der coolen Machbarkeit greift nach dem Leben und der Schöpfung; Geburt und Tod werden immer schutzloser. Was wir erfinden, wenden wir an, wenn es Vorteile verspricht, denen wir unablässig nachjagen. Was Welt und Mensch übersteigt, hat keinen Platz. Menschliche Sehnsucht wird Angst. Vertrauen zur Bedrohung. Wie kann aus solchem Lebensgefühl religiöser Glaube werden? J.B. Die Frage ist mehr als berechtigt, ja sie drängt sich auf die nicht mehr rückgängig zu machenden Folgen der Aufklärung auf. Die Ansicht, Aufklärung setze an Stelle des Glaubens die reine Vernunft, übersieht ausgerechnet die wichtige menschliche Erfahrung, dass Vernunft ohne Glauben in eine dunkle Sackgasse führt, und so genau das Gegenteil bewirkt, was die Aufklärung so selbstsicher postulierte. Dieser scheinbar schwierige Zusammenhang lässt sich an einem uns allen vertrauten Beispiel aufzeigen: Bereits das Kind lernt seine Muttersprache nicht deshalb, weil ihm die Mutter zuerst grammatikalische Regeln beibringt. Ein Kind versteht die ersten Worte und formuliert erste zusammenhängende Sätze nicht aufgrund einer rationalen Vorleistung, sondern, weil es seiner Mutter vertraut. Nur die Mutter weiss, welche Worte richtig und welche falsch sind, welche korrekt ausgesprochen und welche noch geübt werden müssen. Und nun das Überraschende und gerne Verdrängte: In allen entscheidenden Situationen im Leben ist der Mensch auf die Glaubwürdigkeit eines anderen Menschen angewiesen, sobald er von einer unerwarteten Frage oder einem neuen Problem eingeholt wird. Auf unser Thema bezogen heisst dies: Glauben wir zuerst an ein ausformuliertes Glaubensbekenntnis oder lebt unser Glaube zuallererst aus der Glaubwürdigkeit einer Person? Konkret: Glauben wir an erster Stelle an theologisch ausformulierte Dogmen, oder glauben wir vor allem und zuerst an Jesus von Nazareth? Genau hier lässt sich der Konflikt und seine Lösung aufzeigen. Ausgangspunkt des Glaubens kann nicht mehr theologisches Wissen allein sein, sondern die persönliche Begegnung und Auseinandersetzung mit der lebendigen Person namens Jesus Christus. Sie ist zu allererst gefragt, denn diese Person spricht in der unverzichtbar wichtigen religiösen Muttersprache des Glaubens zu uns. Deshalb beginnt und lebt heute der Glaube vor allem aus der persönlichen Begegnung mit der erlösenden, befreienden und barmherzigen Botschaft des Mannes aus Nazareth. Karl Rahner brachte es bereits 1966(!) auf den Punkt: «Der Glaubende von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.» S.H. Du bringst es auf den Punkt. Glauben ist ein Beziehungsgeschehen, das uns mit Erfahrungen beschenkt. Beziehung bedingt notwendig ein Gegenüber. Jedes Gegenüber birgt als Geschöpf in sich das Geheimnis und darin ein Versprechen. Um des Versprochenen willen vertrauen wir. So wird auch den Wirtschaftsweisen und der allgegenwärtigen Eventkultur vertraut. Und erst recht, wenn es um unser Wohlergehen geht. Ich erfahre es gerade hinsichtlich meiner bevorstehenden Knieoperation. Ich vertraue zuversichtlich dem medizinisch-technischen Wissen und Können, denn der Eingriff verspricht mir schmerzfreies Gehen. Doch der Grund meines Vertrauens liegt tiefer, nämlich in der Glaubwürdigkeit der Person jener Ärztin, die mich beraten hat und operieren wird. Sie als ganze Persönlichkeit verspricht Gelingen, glaubt selber daran. Nun aber geschieht im christlich-religiösen Glaubensvollzug das Ungeheuerliche: Es ist nicht ein anderer Mensch, der mir etwas verspricht, sondern – Gott selber. Er verspricht vor allem: Erlösung. Und dieses Erlösungsversprechen gipfelt in der Auferstehung aller, ja, der gesamten Schöpfung. Es geht um Verwandlung des Wirklichen. Wir werden alle verwandelt werden, sagt Paulus. Eine wahre Glaubenszumutung und ein unüberbietbarer Mut-Zuspruch in einem. Ist es schon schwierig an Christi Auferstehung zu glauben, wieviel schwieriger an das Versprechen meiner eigenen. Und doch, in diesem Ereignis liegt der Dreh- und Angelpunkt christlichen Glaubens und Lebens. Wen wundert’s, dass wir heute so oft beim Willen zum Glauben stecken bleiben, gleichsam als sehnsüchtige Zaungäste? Dieser Wille zum Glauben vermag vieles, nur nicht das Glauben selber. Wir sind Zeugen: Wo die christlichen Glaubenskräfte schwinden, spriessen Ersatzreligionen, auch politische. Sie versuchen, die Welt eng zu machen. Aber wir kommen nicht vorwärts, indem wir die Möglichkeiten der Transzendenz verraten. J.B. Ich bin mit dir einverstanden und finde es sogar nötig, dass wir beim Gespräch über den Glauben den Zweifel nicht nur zulassen, sondern – wenn ich dich recht verstehe – sogar voraussetzen.
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