baldeggerjournal

14 ZweiMinutenPredigt Nur so kann heute glaubwürdig über den säkularen und religiösen Glauben gesprochen werden. Karl Jaspers, einer der bedeutendsten Existentialphilosophen, spricht in diesem Zusammenhang von einem geradezu waghalsigen Sprung ins transzendental Absolute. Das klingt modern, gehört aber zum unverzichtbaren Erfahrungsschatz auch der vor- und ausserchristlichen Welt. Bereits Laotse stellt im 6. Jahrhundert vor Christus fest: «Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.» Ich erkläre diesen nicht leicht zu begründende Sprung ins absolut Göttliche gerne mit einer persönlichen Erfahrung. Als Kind fand ich die nachösterliche Geschichte vom zweifelnden, ungläubigen Thomas geradezu skandalös. Wie sollte es möglich sein, Christus während mehreren Jahren konkret begegnet zu sein mit der niederschmetternden Folge, ausgerechnet seiner Auferstehung nicht zu glauben. Heute bin ich diesem rückfragenden Apostel dankbar und teile mit Papst Gregor dem Grossen (540-604) die Ansicht, dass dieser ungläubige Thomas mehr Menschen zum Glauben geführt habe als jene Leichtgläubigen, die in liebenswürdiger Selbstverständlichkeit ihr «Christus ist erstanden» intonieren. Er schreibt: «Der Unglaube einiger Zweifler und Widersprecher hat uns zur Andacht mehr genützt als der Glaube der treu gebliebenen Jünger und Verehrer.» Der Weg des ungläubigen Thomas ist heute wohl eine zwingend notwendige Voraussetzung, die schliesslich zur ebenso bestürzenden wie aufrichtenden Erfahrung des Glaubens gehört. Nur so verstehen wir sein erschütterndes Bekenntnis, wenn Thomas glaubend zu Christus aufblickt und sagt: «Mein Herr und mein Gott!» Könnten wir den Sprung ins absolut Göttliche besser ausdrücken? Gerade für den gläubig-suchenden Menschen wird es immer wieder Erfahrungen geben, die ihn zwingen, seinen Glauben zu hinterfragen. Dieser Prozess lässt sich auch mit sogenannten Gottesbeweisen nicht verhindern, denn ein begriffener Gott wird rasch zu einem erstarrten Gott, das heisst zu einem Götzen. Der wirklich gläubige Mensch ist immer unterwegs und hält an seinem Gottesbild nicht fest. Novalis brachte dies in seinem Werk «Heinrich von Ofterdingen» auf den Punkt. Auf die Frage: «Wohin gehen wir?» – kommt als Antwort: «Nach Hause, immer nach Hause!» S.H. Ja, es ist dieser waghalsige Sprung ins absolut Göttliche, der uns modernen Menschen so schwer fällt und gleichzeitig so nottut. Wir sind Gefangene unserer Wissenschaftsgläubigkeit und unserer Absicherungsmanie. Dabei haben wir tausendfach erfahren: Wo das Leben konkret wird, wo wir wirklich gemeint sind, da spielt Wissen im exakten Sinne kaum eine Rolle, da übernimmt Glauben die Regie. Gehen etwa Verliebte nach Methoden wissenschaftlicher Evaluation vor? Sie verfehlten genau damit ihre «Wahrheit», das Geheimnis der Liebe, die den andern sieht, wie der Schöpfer ihn gemeint hat. Und so ist es mit der Kunst in ihren vielfältigen Ausdrucksweisen, auch mit der Poesie. Sie lädt ein zu diesem heilbringenden Sprung, wie Rose Ausländer in ihrem Gedicht «Mysterium»: Die Seele der Dinge lässt mich ahnen die Eigenheiten unendlicher Welten Beklommen such ich das Antlitz eines jeden Dinges und finde in jedem ein Mysterium Geheimnisse reden zu mir eine lebendige Sprache Ich höre das Herz des Himmels pochen in meinem Herzen Ich war in der neuen Tribschenstadt Luzern zum Mittagessen eingeladen und auf 14.00 Uhr zu einer Besprechung am Bahnhof erwartet. Zeitlich knapp, beeilte ich mich, den nächsten Bus zu erlangen. Wie ich um die Ecke bog, fuhr der Bus schon an, für mich hoffnungslos. Das bemerkte ein gross gewachsener Mann mit langem schwarzglänzendem Haar. Breit aufgerichtet auf dem Trittbrett stehend, deutete er mir mit der freien Hand: Nur langsam, ich stehe da für Sie. Erst aus der Nähe bemerkte ich seinen einmaligen Haarschmuck und die schwere Halskette mit einem schlichten Kreuz daran. Er fasste sanft meine Hand, half mir in den voll besetzten Bus und bot mir seinen Haltebügel an. Erst jetzt bemerkte ich die kunstvollen Tattoos an seinen beiden Armen. Der Bus fuhr sogleich los. Ich bedankte mich und sagte: Es gibt einfach gute Menschen! Seine Antwort: Wissen Sie, Gutsein ist meine Religion. Jesus von Nazareth hat doch nichts anderes gelebt. Ja, entgegnete ich, und dieses Gutsein ist auch meine Religion. Seine Augen glänzten, und er sprach in beinahe feierlichem Ton in den Bus hinein: Die Schwester und ich haben denselben Gott! Viele Blicke richteten sich auf uns. Am Bahnhof angekommen, reichte ich ihm die Hand und dankte nochmals. Doch auch er stieg aus und folgte mir. Hinter einer Fahrplanwand bat er mich, ihn zu segnen. Das tat ich. Er fasste nochmals meine Hand und zeichnete behutsam ein Kreuz darauf. S.H. ZweiMinutenPredigt

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