11 Angst haben, zittern, beben, bangen, schaudern, verzagen, sich sorgen, ein verdorrtes und zerschlagenes Herz, ein matter Geist – all das und noch mehr sind Synonyme für «sich fürchten» in den Psalmen. Die Furcht nimmt einen breiten Raum ein im Psalter. Wovor aber fürchtet sich denn der Beter? Auch da sind die Gründe vielfältig. Er fürchtet sich davor, dass Gott sein Angesicht von ihm abwenden könnte, vor dem Tod mitten aus dem Leben, vor Krieg, vor Unglück, das isoliert, vor Ungerechtigkeit, vor Verleumdung und Spott, vor allem aber fürchtet er sich vor Menschen, die ihm Böses antun wollen, ja die ihm «nach dem Leben trachten». Umgang mit der Furcht Und wie geht der Mensch in den Psalmen um mit seiner Furcht? Der folgende Psalmvers zeigt es uns. «Am Tag, da ich mich fürchten muss, setze ich auf dich (JHWH) mein Vertrauen.» Ps 56,4 Er geht also mit seiner Furcht zu Gott und bittet: «Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig; meine Feinde bedrängen mich Tag für Tag. Täglich stellen meine Gegner mir nach; ja, es sind viele, die mich voll Hochmut bekämpfen.» Ps 56,2.3 Alle diese Verse stammen aus Psalm 56, einem Klagepsalm. Darin erzählt der Psalmist Gott, worunter er leidet, wovor er sich fürchtet, nämlich vor den Feinden, die ihn dauernd bedrängen und ihn bekämpfen, ihm nachspionieren und sogar nach dem Leben trachten. Diese Psalmverse fassen das Unfassbare, alle Furcht, die Ängste und den Schmerz in Worte, rufen Gott als Retter an, schildern die Nöte und bitten um sein helfendes Eingreifen. Psalmen als Sprachhilfe Indem die Furcht und auch der Schmerz durch die Psalmen eine Sprache finden, werden sie ans Licht geholt. Damit verschwinden sie zwar nicht, der Betende kann jedoch lernen, mit ihnen umzugehen. Psalmen als Sprachhilfe angesichts von Furcht und Schmerz – so könnte man ihre erste Funktion beschreiben. Aber das ist nicht alles. Die Psalmen bleiben nicht bei der Beschreibung von Furcht und Schmerz stehen. Sie bringen sie in einen Dialog, und zwar in einen Dialog mit Gott. Dabei bleibt Gott für den Psalmenbeter kein Abstraktum. Vielmehr spricht er Gott als Gegenüber an. Zweimal bittet er ihn: «Sei mir gnädig!», das will heissen: «Sei wohlwollend, barmherzig und geduldig, hilf mir, auch wenn ich keinen Anspruch darauf habe.» In andern Psalmen spricht er Gott mit Namen an, die in die Tiefe von Furcht und Schmerz hinabreichen: «Herr, mein Fels, mein Schild, meine Stärke, mein Schutz ...» Nur das, wofür ich Sprache habe, kann mir zur Erfahrung werden. So stellen gerade die Psalmen in einer Zeit religiöser Sprachlosigkeit angesichts von Furcht und Schmerz eine wichtige Sprachhilfe des Glaubens dar. Von der Furcht zum Vertrauen «An dem Tag, da ich mich fürchten muss, setze ich auf dich (JHWH) mein Vertrauen.» Ps 56,4 Und weil der Psalmbeter seine Furcht vor Gott zur Sprache bringen kann, erfährt er eine Befreiung aus seiner Furcht, die ihn zum Vertrauen führt. Er erfährt, wenn Gott für mich ist, was brauche ich mich noch zu fürchten: «Ich habe erkannt: Mir steht Gott zur Seite.» Ps 56,10b Diese Erfahrung aber mündet ein in das Lob Gottes. Ich preise Gottes Wort, ich preise das Wort des Herrn. Ich vertraue auf Gott und fürchte mich nicht. Was können Menschen mir antun? Vertrauen ist Furcht, die gebetet hat Sr. Renata Geiger, Baldegg
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