12 Zwei Meinungen – ein Thema Stimmungen ergreifen Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (SH), Psychologin, im Gespräch mit Judith Stamm, Dr. iur., Politikerin, ehemalige Nationalratspräsidentin SH ‘RUNDUM Sündiger Sommer’, so der Titel einer Kolumne in einer Tageszeitung, die mich kürzlich aufmerken liess. So ist es, dachte ich bei mir: Am Medienhimmel scheinen sie grell auf: die lebenshemmenden, lebensfeindlichen, ja die lebenszerstörenden Ereignisse unserer Tage. Und alles wird aufs Smartphone geliefert, jederzeit, allerorts, quasi gratis, unbegrenzt und dazu unterhaltend. Der Autor sinniert: Wie viel Welt der moderne Mensch doch verkraftet! Scheinbar ohne grössere Probleme. Das war nicht immer so. Von keinem Geringeren als Nietzsche stammt der Satz: «Ich will, ein für alle Mal, vieles nicht wissen. Die Weisheit zieht auch der Erkenntnis Grenzen.» Nicht wahr: Das klingt für heutige Ohren schräg. Grenzen sind ein Übel. Sie zu sprengen, tun wir vieles, vor allem, wenn es darum geht, ‘informiert’ zu sein. Dafür bezahlen wir einen stolzen Preis: nämlich Angst, Furcht, Bangen, Grauen, Entsetzen. Wir fühlen uns bedroht – beinahe ständig und überall. Umfragen zeigen es überdeutlich. Im Gegenzug steigert sich das Bedürfnis nach Sicherheit ins schier Unermessliche. Das Geschäft der Absicherungen floriert. Und das, obwohl der Glaube, dass Sicherheit menschlich machbar sei, tagtäglich verletzt wird. Angst ist in der Luft. Wir atmen sie gleichsam ein und aus. Im Reden und Schreiben darüber kommen wir ihr nicht bei. Schon FREUD sah das Angstproblem als einen «Knotenpunkt», an dem die wichtigsten menschlichen Fragen zusammentreffen. JST Es stimmt, die Informationen überfluten uns. Und wir bezahlen dafür einen Preis. Nur habe ich dafür ein anderes Bild: Ich balanciere ständig zwischen den Gegensätzen: unglaublich, was sich in der Menschheit tut: das Bewusstsein für die Umwelt, die Mitmenschen, die Tiere und alle Lebewesen wird immer schärfer. In der Schweiz werden wir sogar noch aufmerksam gemacht, dass Käferarten aussterben! Gleichzeitig nehme ich all die Bedrohungen weltweit zur Kenntnis: Umweltkatastrophen, kriegerische Ereignisse, Ausbeutung von Natur und Menschen. Dasselbe im persönlichen Leben. Vom Morgen bis am Abend erlebe ich so viel Positives. Vom Morgen bis am Abend höre ich von meiner Generation so viel von Krankheit, Dahinsiechen, Abschiednehmen. Das bringt mir nicht Angst und Furcht. Es zwingt mich ständig zu einem seelischen Balanceakt. Wie behalte ich mein Gleichgewicht inmitten all der Turbulenzen? SH Einverstanden: es sind wohl diese ständigen seelischen Balance-Akte, die Gleichgewichtsübungen inmitten aller Turbulenzen, die Angst und Resignation überbrücken. Aber dahinter steckt für mich die Frage: Wie bleibe ich – trotz allem – in lebensfreundlich aufgerichteter Stimmung. Müde, dumpfe, fatalistische Stimmungen begegnen mir zu Hauf. Ich weiss es zur Genüge. Je nach Stimmung bin ich zu fast allem in der Lage oder zu nichts. Gestimmt sein ist weit mehr als ein flüchtiges Gefühl. Stimmungen färben unsern Gemütsgrund ein, sind eine Art Grundmelodie unseres Lebens- und Weltgefühls und werden so zum Resonanzboden für alles, was uns trifft. Ich weiss auch, wie leicht Stimmungen kippen können. Das gilt nicht nur für das Ich, sondern auch für Gemeinschaften, für die Nachbarschaft, für den Arbeitsplatz, auch für den Stammtisch: kurz für ganze Gesellschaften. Viele Stimmen wirken tagtäglich – sogar nachts – auf uns ein, nicht nur der Boulevard und die Burka. So wird das Instrument des Leibes und des Lebens gestimmt, das Lebensgefühl geordnet und gestärkt oder gestört. Gestimmtsein ist Realität. Sie wirkt und herrscht, wie wir das auszudrücken gewohnt sind: «Es herrscht eine gereizte Stimmung!». Wie sich das anfühlt und auswirkt, kennen wir aus Erfahrung. So stellt sich mir immer ernster die Frage: Wie sorge ich für mein Gestimmtsein und zwar im Sinne der klugen nicht der ängstlichen Sorge? Was lasse ich mit mir machen und was eben nicht? Konkret: ich entscheide, ob ich den Revolverjournalismus und die Geldkrimis lese, die Sexskandale ansehe, das pauschale Misstrauen dem Islam gegenüber mitbete, den gängigen Angstanstachelungen und dem Ratgeberpalaver glaube, ob ich den Unterhaltungstratsch und die Gegnerabwertung mitmache. Das heisst, ich muss und will auf einiges, sogar vieles verzichten um meiner Stimmung willen, z.B. auf die Tagesschau als Abendunterhaltung. Das verlangt Entscheidung. Packt mich dagegen die ängstliche Sorge, die Stimmung innerer Unruhe, Angst und Bangigkeit – was alles nicht etwa unbegründet ist – dann schwindet der Mut, Wie antworten?
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