13 es bleibt noch das Absichern im naiven Glauben an die Illusion der Sicherheit. JST Ja, da muss ich gestehen, dass ich erst kürzlich verkündet habe, dass ich bis zu fünf Zeitungen täglich durchblättere, vorher im PC «News» anklicke, im Bus auf den kleinen Bildschirm mit Nachrichten schiele und, wenn immer möglich, am Radio Nachrichtensendungen höre. Die einen Meldungen stimmen mich froh, die anderen traurig! Aber ich versuche mehr und mehr, mich einfach in die Rolle der Beobachterin zu versetzen und mir einen Überblick zu verschaffen: aha, so geht es zu in der Welt! Ich versuche auch, nicht zu bewerten, obwohl mir das schwer fällt. Aber, wie soll ein Friedensprozess in einem zutiefst zerstrittenen und armen Land gelingen, wenn selbst in unserer luxuriösen Schweiz Nachbarn wegen Bäumen, Wegen oder Kindergeschrei nicht in Frieden miteinander leben können? Wenn ich sehe, wie heute mit aufwändigen Mitteln weltweit Steuersünder gejagt werden, dann hätte ich andere Prioritäten. Nämlich einen weltweiten Einsatz dafür, dass keine Menschen mehr vergewaltigt, keine Tiere mehr gequält und die Natur geschont wird! Die Liste ist noch lang. Ja, auch meine «Stimmung» hängt davon ab, was mich von Seiten der Medien täglich überflutet. Aber ebenso wichtig ist, ob ich genügend und gut geschlafen habe! Guter Schlaf regeneriert, gibt neue Kraft und Widerstandskraft. Was aber sollen Menschen, die in beengten Verhältnissen leben, sich ständig am Rande des Existenzminimums bewegen, einen gewaltigen Rucksack an Sorgen und Nöten mit sich tragen, der «generellen Stimmung der Gereiztheit» entgegen setzen? Ich weiss es nicht. Denn auch ich, privilegiert, muss mich immer wieder im seelischen Balanceakt üben! SH Auch ich lese täglich Zeitungen, will doch am Puls der Zeit bleiben, möchte Zusammenhänge gewinnen, verstehen, was sich in der Welt tut. Und nicht selten ärgere ich mich dabei über das, was Schlagzeilen macht, was überhaupt Nachrichtenwert hat. Ich verwerfe, was für mich nicht lesenswert ist, stelle mich aber den Fragen, die mich angehen. Wo ich es in meiner Arbeit mit Menschen zu tun habe, die unter der düstern «Grosswetterlage» leiden, sich deprimieren lassen, mit Menschen, auf deren Rücken Machtinteressen ausgetragen werden, die dabei Ausgrenzung, Demütigung und Ungerechtigkeit erleiden: da taugt die Beobachterrolle nicht mehr. Ich muss – bei aller Distanz – zur Rolle des mitfühlenden Verstehens finden. Das gelingt in dem Masse, als meine innere Gestimmtheit trägt. Einen guten Teil muss und kann ich selber dazu beitragen. Zum Glück! Zugegeben, auch ich bin privilegiert und trotzdem nicht gefeit, mich vom Katastrophenjournalismus einschüchtern oder vom Flüchtlingselend deprimieren zu lassen. Dann ist Widerstandskraft gefragt, wo sie fehlt, setzt die Abwärtsspirale ein. Bei jeder weitern Windung erzeugt sie mehr Ohnmacht und damit mehr Druck, stärkeren Unmut und damit grössere Angst. Am Ende hockt die Resignation. Diese drückt sich nicht selten in Krankheit oder Gewalt aus. Die Wirklichkeit spricht Bände, auch in unserer wohlhabenden, freiheitlichen, säkularisierten Schweiz. Gesundheits- und Sozialwesen, Psychiatrie und Polizei und selbst die Kirchen stossen an ihre Grenzen. Deine letzte Frage bleibt auch bei mir ohne Antwort. Umso mehr beschäftigt mich: Wie können wir in der reichen Schweiz mitwirken an einer Atmosphäre des Respekts, der Anerkennung und des Vertrauens? Wie können wir die inzwischen zum Modewort verkommene «Resilienz» stärken? Welche Tugenden und Werte sind da gefragt? Was an Sicherheiten brauchen wir? Welche Absicherungen können wir aufgeben? Welche Befürchtungen wollen ernst genommen werden? Hinter welchen sind Luxusängste. Und wo machen wir diese fest? Sicher ist: Wer viel hat, kann viel verlieren. Ich bin froh, wenn du da weiter denkst. JST Die Aussage: «Gesundheits- und Sozialwesen, Psychiatrie und Polizei und selbst die Kirchen stossen an ihre Grenzen», muss ich hinterfragen. Ich glaube nämlich, dass parallel zu den Fortschritten in vielen Gebieten auch unsere Erwartungen und Ansprüche ins Unermessliche gewachsen sind. Diese müssen wir herunterschrauben. Denn so rasch erfinden wir den moralisch perfekten, unsterblichen Menschen einfach nicht, wie wir gerne möchten! Die digitale Welt, in die wir hineinwachsen, führt uns das drastisch vor Augen. Es ist genial, dass in Zukunft Menschen im Rollstuhl sich mit einem «Roboterkor-
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=