14 ZweiMinutenPredigt sett», laienhaft ausgedrückt, auf eigenen Beinen werden fortbewegen können. Ob sich aber hundertjährige Menschen in einem voll digitalen Umfeld, wo vom Blutdruck bis zum Kühlschrank alles überwacht wird, wohl fühlen werden, wage ich zu bezweifeln. Und doch werden entsprechende Wohnungseinrichtungen für die «Autonomie des alten Menschen» bereits angepriesen und später dann serienmässig verkauft werden. Wieder wird es an jedem einzelnen, aber auch an der Gesellschaft liegen, das zuträgliche Mass, die Balance, zu finden. Wie stärken wir die «Resilienz», oder, wieder etwas laienhaft ausgedrückt, die Widerstandskraft des einzelnen, inmitten all der Einflüsse und Möglichkeiten, die auf uns einwirken, uns verlocken? Da beschäftigt mich in letzter Zeit ein Gedanke, der mir neu zugeflogen ist. Wir sind nicht gut darauf vorbereitet, mit der Widersprüchlichkeit des Lebens umzugehen. Wir erwarten Klarheit, Ordnung, Übersicht und wollen diese auch immer wieder schaffen. «Alles für die Katz» möchte ich in der heutigen turbulenten Zeit überspitzt formulieren. Wir segeln auf stürmischer See und müssen die Regeln für neue Situationen immer wieder neu entwickeln. Und greifen dabei, das ist tröstlich, oft auch auf Altbewährtes zurück, das einfach in neuem Gewand erscheint. Wie sagt doch Conrad Ferdinand Meyer (1825 – 1898) so kurz und knapp in seinem Werk «Huttens letzte Tage»: «Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch!» Um die Balance bemühen wir uns zeitlebens, weil wir so widersprüchliche Wesen sind! SH Vielleicht sind es tatsächlich unsere ins Unermessliche gewachsenen und ständig weiter wachsenden Erwartungen und Ansprüche, die uns das Fürchten lehren. Globalisiert und wirksam vernetzt drängen sie medial in uns ein, ohne dass wir es merken. Als fremd in uns heimisch geworden, leiten und regieren sie durch uns das alltägliche Geschehen im Kleinen wie im Grossen mit. So treiben sie Wachstum und Fortschritt ständig an; blenden dabei die Spesen für Mensch und Natur cool aus. Da verkommt die Einsicht: «Wir müssten die Erwartungen und Ansprüche herunterschrauben» zum frommen Wunsch. Statt dessen huldigen wir weiterhin dem bedrohlichen «MEHR, SCHNELLER, BESSER». Wir sind sogar daran, Altersgebrechen und Sterben auszutricksen. Die Erfahrung, dass wir darob in so mancher Hinsicht nicht mehr Herrin und Herr im eigenen Hause sind, löst zwar auch Furcht und Schrecken aus. Die lassen sich aber leicht an der Burka, am Fremden überhaupt und am Terror festmachen. Dieses heilsame Erschrecken über uns selber könnte uns aber auch daran erinnern, dass wir Menschen erlösungsbedürftig sind. In wenigen Wochen hören wir wieder die weihnächtliche Botschaft: «Fürchtet euch nicht, denn heute ist euch der Heiland, der Retter geboren.» Damals traf sie in eine harte, ja grausame Welt hinein. Schwangerschaft und Geburt brachten für Maria und Josef Zweifel und Unsicherheit, gefolgt von Bedrohung, Flucht und Abweisung. Und im Lande wütete ein schreckliches Kindermorden aus Angst vor Machtverlust. Das war damals! Und heute? Ist sie nicht wahrhaft neu, die alte weihnächtliche Botschaft von damals? Hören wir sie? Vertrauen wir ihr? Lassen wir uns erlösen? Daran hängt vieles, ja alles! Es ist ein selten schöner Juni-Sonntagabend. Ich komme vom Dienst, schlängle mich in der Bahnhofstrasse durch bunte Menschenbänder. Wieder mal Glück gehabt: Ich erreiche die Rolltreppe bei der Hauptpost just so, dass es für den nächsten Zug reicht. Auf dem fahrenden Metallband ist es recht eng. Dann unvermittelt ein Ruck, ein unfreiwilliger Halt. Direkt vor mir eine junge Frau, vermutlich eine Serbin, mit einem jungen Mann von spanischem Schlag. Beide sichtbar verliebt. Er will ihr einen Kuss geben. Sie dreht sich leicht zu ihm hin, erblickt mich im Rücken, weist ihren Liebhaber sanft aber entschieden zurück mit den Worten: Nein, nein, nicht jetzt, Gott schaut zu. Ich beuge mich leicht nach vorn, so dass ich ins anmutige Gesicht der Frau blicken kann, wende mich dann dem jungen Mann zu und sage: Doch, doch, sie ist einverstanden und darum freut sich Gott mit. Der Mann zieht die Frau liebevoll an sich und gibt ihr einen herzhaften Kuss. Die kurze Szene hat Publikum geweckt. Einen Mann hinter mir höre ich sagen: So was habe ich in der Kirche noch nie gehört. Ich schenke auch ihm einen freundlichen Blick. Er lächelt. Auf der ‘Gegenfahrbahn’ klatschen einzelne – spürbar wohlwollend. Nun werde ich etwas verlegen. Die Rolltreppe gleitet längst weiter, mein Zug aber ist abgefahren. Unten angekommen, wartet der junge Mann, kommt auf mich zu und sagt mit fremdem Akzent: DANKE SCHÖN! Die anmutige Frau hat sich etwas entfernt, schaut aber zurück. Aus ihren strahlenden Augen spricht nicht weniger Dank, wenn auch etwas schüchtern oder gar verlegen. hw ZweiMinutenPredigt
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