baldeggerjournal

9 die Ebene des Glaubens. Aus dessen Perspektive heraus trauen wir Gott zu, dass er Tod, Elend und alle Beschränkungen unseres Lebens überwinden werde, so dass wir trotz aller Begrenztheit in einem ewigen Leben zu Erlösung, Liebe und Glückseligkeit finden können. Persönlichkeitsentwicklung ist nur möglich, wenn wir uns trauen, uns auf Beziehungen einzulassen. In der Beziehung zu Gott, können wir dies vorbehaltslos tun. Auf seine unerschütterliche Loyalität und umfassende Liebe ist absoluter Verlass. Bei den mitmenschlichen Beziehungen gilt es jedoch abzuwägen, inwieweit man sich dem andern öffnen kann, ihm trauen darf, ohne sich der Gefahr auszusetzen, zutiefst verletzt zu werden. Denn in jeder Selbstöffnung wagen wir es ja, Privates preiszugeben. Dies aber beinhaltet letztlich, mit einer anderen Person eine Art Bündnis einzugehen, das auf gegenseitigem Vertrauen basiert. Intime Gedanken, Hoffnungen, Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse werden offen gelegt. Im Allgemeinen gilt solche Bereitschaft zur persönlichen Transparenz allerdings nur für besonders «Auserwählte», birgt sie doch Risiken, gerade in jenen Bereichen, die uns besonders wichtig sind. Dementsprechend schützen wir denn auch all das, was uns ganz persönlich berührt, mit ausgeklügelten Schutzmechanismen. Diese geben wir nur preis, wenn unser Vertrauen soweit gewachsen ist, dass wir uns dem Risiko aussetzen können, uns auch dort zu öffnen, wo wir am verwundbarsten sind. Als Metapher für diesen Prozess könnte bildhaft die befestigte Burg des Mittelalters stehen, die den kostbaren innersten Bereich der Familie durch Mauern, Türme, Gräben, Fallgitter, Zugbrücken, Pechnasen und einem raffinierten Sicherheitssystem schützt. Es braucht grosses Vertrauen, bis man Schritt für Schritt die Tore öffnet, Zugbrücken runterlässt und einigen wenigen, denen man vertraut, Zutritt zum innersten Bereich gewährt. Sich in seiner Verwundbarkeit Gefahren auszusetzen und selbst existenzielle Risiken einzugehen, ist nur dann möglich, wenn zwischenmenschlich ein gegenseitiges Verhältnis des «Sich Trauens» aufgebaut wurde. Wird dieses Vertrauensverhältnis gestört, kann es zu traumatischen Verwundungen kommen, die nur schwer wieder heilen. Werden Schwächen preisgegeben oder intimste Geheimnisse verraten, kann dies weit zerstörerischer wirken als manche äussere Verletzung. Es kommt denn auch nicht von ungefähr, dass viele heutige Menschen zögern, eine definitive Verpflichtung einzugehen. Es fällt ihnen z.B. schwer, sich auf das «Wagnis» einer zivilen oder kirchlichen «Trauung» einzulassen. In der kurzlebigen Wegwerfgesellschaft scheut man sich einerseits vor einer endgültigen Bindung. Anderseits sehnt man sich aber mehr denn je danach, in einer personalen Beziehung jene Erfüllung und existentielle Sinngebung zu finden, die in der anonymen technokratischen und konkurrenzbetonten Leistungsgesellschaft schwerlich realisierbar ist. Dementsprechend sind denn auch die Erwartungen an eine LiebesBeziehung unrealistisch hoch. Die Gefahr von Idealisierung und Projektion des eigenen Wunschbildes auf den Partner, auf die Partnerin ist omnipräsent. So erscheint es denn nicht verwunderlich, dass sehr bald auch Gefühle der Enttäuschung, der Frustration, ja selbst des Verrates entstehen können. Das gemeinsam im Vertrauen eingegangene Lebensprojekt wird dann vorzeitig abgebrochen, ohne dass sich das Paar traut, einen gemeinsamen Entwicklungsprozess zu durchlaufen, in dem die beiden Getrauten es nun wagen, sich gegenseitig tiefer kennen und lieben zu lernen; dies im Vertrauen darauf, dass Andersartigkeit auch bereichern kann. Sich gegenseitig zu trauen, beinhaltet also auch, den Mut zu haben, gewisse Risiken einzugehen und auf den andern zu bauen. Damit werden Prozesse in Gang gesetzt, die ohne solches Vertrauen nicht möglich gewesen wären. Dies bedeutet in seiner Konsequenz dann auch, dass beide Parteien versuchen müssen, verantwortlich mit einem solchen Vertrauen umzugehen, denn es wird nur ihnen persönlich geschenkt, darum darf es nicht missbraucht werden. Solches gilt für jede Art der Beziehung, von der rein geschäftlichen bis zu der höchst persönlichen. Dabei geht es aber auch darum, den Partner oder die Partnerin nicht durch unreale Erwartungen zu überfordern, sondern möglichst adäquat zu beurteilen, was für beide möglich ist. Bei diesen Einschätzungen dürfte es nicht in erster Linie um rein rationale und intellektuelle Fähigkeiten gehen. Was gefragt ist, sind intuitives und empathisches Einfühlungsvermögen einerseits, sowie Erfahrung und persönliche Reife andererseits. Das richtige Abschätzenkönnen ist also wichtige Voraussetzung, um in seinem «Trauen» nicht zu scheitern. Gleichzeitig aber gehört dazu auch die Hoffnung, dass aus Potentiellem etwas Neues geschaffen werden kann. Ohne dieses Vertrauen, ohne diesen Glauben an ein besseres Zusammenleben, eine bessere Zukunft und eine bessere Welt, wären keine Erfindungen und Entdeckungen gemacht worden, hätten Menschen nie in Liebe und Solidarität zueinander gefunden. Und ohne dieses Zutrauen, wäre letztlich auch eine existentielle Sinnfindung kaum möglich. Es würde die Hoffnung fehlen, die den Menschen beflügelt, Neues zu wagen und sich zu trauen, verändernd in dieser Welt zu wirken. Für den gläubigen Menschen erweitert sich die Ebene des «Trauens» schliesslich noch um eine weitere Dimension; um die Überzeugung nämlich, dass er von Gott berufen sei, an der Verbesserung der Welt konstruktiv mitzuwirken. Er soll sich trotz seiner Begrenztheit und Unzulänglichkeit als Mitstreiter am Aufbau eines allumfassenden Projektes beteiligen. Im Sinn des von Jesus verkündeten «Gottesreiches» nämlich, soll mit seiner Hilfe eine Welt der Gerechtigkeit, der Liebe und der Solidarität entstehen. Indem der Mensch sich traut, an diesem Projekt mitzuarbeiten, findet er zu existentiellem Sinn, zu Glück und letztlich zu seiner Erfüllung. Sich selbst trauen, dem andern vertrauen und auf Gott zu bauen, der uns zutraut, als Protagonisten sein revolutionäres Zukunftsprojekt einer besseren Welt zu verwirklichen, das sind die Eckpfeiler, auf der sich ein Leben aufbauen lässt, das letzten Sinn verspricht. In der dynamisch vertrauenden Interaktion zwischen Ich und Du entwickelt und festigt sich unsere Persönlichkeit. Im Balanceakt zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen Risikobereitschaft und Vorsicht lernen wir, auf den anderen zuzugehen und uns gemeinsam auf das utopische Projekt einzulassen, eine bessere Welt zu schaffen. Genau dies aber ist es, was Gott uns Menschen zutraut!

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