baldeggerjournal

10 Zusammen mit vier Baldegger Schwestern flog Sr. Gaudentia Meier 1969 ans andere Ende der Welt, um in Papua Neuguinea als Krankenschwester zu wirken. Es war ein Flug in die Steinzeit. Kloster Baldegg mrz: Wie war das für dich? Sr.G.: Wenn ich zurückdenke, frage ich eher, wie das wohl für die Papuas war, als wir im Südlichen Hochland in Det ankamen. Wir waren die ersten weissen Frauen, die sie sahen. Ein Pater war vorher schon hie und da dort gewesen. Aber sonst lebten sie ohne Kontakt zur übrigen Welt, die Männer in den Männerhäusern und die Frauen zusammen mit den Schweinen in den Frauenhäusern. Wie die Welt ein paar Fahrstunden entfernt aussah, wussten sie nicht. Frauen mit so viel Stoff um sich wie wir mit unsern Röcken und Schleiern, hatten sie noch nie gesehen. Sie selber trugen Grasröcke, Männer und Frauen. Was sie über uns dachten? Heute denke ich, dass wir für sie wohl Wesen von einem andern Planeten waren. mrz: Hast du Misstrauen gespürt? Sr.G.: Mir ist aufgefallen, dass die Papuas im Hochland ihre Hütten nicht im Tal, sondern immer an den Hügeln bauten. Nachts mussten immer zwei von der Sippe Wache halten. Damit sie wach blieben, setzten sie ihnen Läuse auf. Angst vor Angriffen ist tief in ihnen verwurzelt. Das erlebte ich am Anfang stark. Wenn ich Männern ein Medikament mit einem Glas Wasser verabreichen wollte, schluckten sie es ohne Wasser. Zu gross war ihre Angst, das Wasser könnte vergiftet sein. Und Wasser, das aus einem Hahnen floss, hatten sie noch nie gesehen, und dem trauten sie nicht. mrz: Wie gelang es dir, Vertrauen aufzubauen? Sr.G.: Über die Frauen. Für die war neu, dass ihnen jemand bei der Geburt helfen könnte. Bis dahin ging es entweder gut oder sie starben. Ich war mehr als ein Monat dort, bis man mich zur ersten Geburt rief. Im Buschhaus sah ich, dass es noch nicht so weit war und fragte, ob ich sie mitnehmen dürfe auf die Station. Ich hielt sie am Rücken, eben dort, wo ich wusste, dass sie Weh hatte. Die umstehenden Frauen beobachteten mich genau und redeten angeregt. Später fragte ich, was sie da besprochen hätten. Ihre Antwort war aufschlussreich: «Jetzt sagt die, sie habe noch nie ein Kind geboren. Wieso weiss sie, wo es weh tut?» Ich erklärte ihnen, dass ich das gelernt habe. Durch diese Erfahrung fassten sie Zutrauen. Im gleichen Monat hatte ich noch drei Geburten und bis Ende Jahr waren es 56, und über die Jahre sind es wohl zwischen vier- und fünftausend. Einmal rief man mich in eines ihrer Gebärhäuschen. Die sind nur so hoch wie ein Tisch. Ich kroch auf allen Vieren hinein, es war stockdunkel. Nur zwei rote Augen blickten mich an: Sie gehörten dem Schwein, das neben der Gebärenden lag. Ich bin überzeugt, dass die Menschen eine positive Erfahrung brauchen, um andern trauen zu können. Das Vertrauen der Frauen zu mir ging bald auf die Männer über. Es gab immer wieder Leute, die wollten sich nicht durch einheimische Krankenschwestern behandeln lassen. Ich sagte dann einfach: «Weisst du, die kann das auch, sie hat das bei uns gelernt. Wir machen es jetzt miteinander.» So konnten sie eine positive Erfahrung machen. Das Wichtigste ist, selber glaubwürdig zu sein. Man kann nicht etwas sagen und etwas anderes machen als man sagt. mrz: Hast du dazu ein Beispiel? Sr.G.: Als wir ins Hochland kamen, ernährten sich die Leute sehr einseitig, sie kannten nichts anderes als Süsskartoffeln, Bananen, Blätter und Bohnen. Wir legten bei uns und im Spital Gärten an wie sie, pflanzten aber auch anderes Gemüse. Das beobachteten sie. Wer jemand im Spital hatte, musste zwei Stunden pro Tag im Garten arbeiten und mithelfen, das geerntete Gemüse zu kochen. So lernten sie andere Sorten Gemüse kennen. Jeder Frau, die ein Kind geboren hatte, gab ich jeweils fünf Ananas-Schösslinge mit und sagte ihr, dass die erste Ananas dem Baby gehört und die andern vier für die Familie seien. Heute sieht man in allen Gärten Ananas. Als man begann, uns die Ananas im Garten zu stehlen, wusste ich, dass sie diese Frucht gern bekommen hatten. So konnte ich mit diesem Projekt aufhören. Übrigens musste ich lernen, mir selber etwas zuzutrauen. Ich hatte ja niemanden, den ich hätte fragen können. Sogar wenn jemand mit seinem kranken Schwein zu mir kam, musste ich doch irgendwie helfen. Trauen lernen

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