12 Zwei Meinungen – ein Thema Der Löwe und die Ziege Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (SH), Psychologin, im Gespräch mit Dr. Hans Widmer (HW), Politiker, Philosoph SH Wieder so ein Thema! Vordergründig simpel, alltäglich; hintergründig heimtückisch, vielschichtig, ja gefährlich. Doch manchmal geschieht es: «Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe». So steht es in der Bibel. Und buchstäblich so war es. Des Nachts fiel sie mir zu, Aesops Fabel: «Der Löwe und die Ziege». HW Auf einem sehr steilen Felsen erblickte ein Löwe eine Ziege. «Komm doch», rief er ihr zu, «auf diese schöne fette Wiese herab, wo du die trefflichsten Gräser und Kräuter findest, während du dort oben darbest.» «Ich danke dir schön für dein Anerbieten», sprach die kluge Ziege, die wohl die Absicht des Löwen erkannte. «Dir liegt mehr an meinem Fleisch als an meinem Hunger. Hier oben bin ich vor dir sicher, während du mich dort unten sofort verschlingen würdest. Trau! Schau! Wem?» SH Da haben wir es, das Gefährliche. Und doch: Wir wollen, ja müssen einander trauen können. Vertrauen ist die entscheidende Grundlage sowohl zwischenmenschlich wie wirtschaftlich und gesellschaftlich. Aber wem kann ich trauen und wem nicht? Diese Frage durchzieht – obwohl vom Naturell her nicht misstrauisch – mein ganzes Leben. Sie berührt sämtliche Bereiche, bezieht sich auf Personen wie Institutionen, z.B. Arzt und ich als Patientin, Kirche und ich als Glaubende, Medien und ich als Nutzerin, Produzenten und ich als Konsumentin, Klostergemeinschaft und ich als Mitglied. Fraglos trauen, wie ich das als Kind noch erlebt und gelebt habe – auch des Nachts blieb die Haustür unverschlossen – das ist vorbei. Ungeprüft trauen schafft Krisen; das erfahren wir heute allzu deutlich. Darum: Vertrauen ist gut, Misstrauen aber auch. Beides will kultiviert werden. Wie soll das geschehen? HW Dir schwebt eine Kultur des Vertrauens vor, die skeptisches Misstrauen mit einbezieht. Das finde ich zwar sehr spannend. Was aber soll ich mir darunter vorstellen? Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir konkreter werden. Ich versuche es anhand der folgenden Situation: Kann ich meinem Hausarzt vertrauen, wenn er mich im Zusammenhang mit der Beschreibung einer ganz bestimmten Schmerzerfahrung beruhigt und davon abrät, eine vertiefte Untersuchung vornehmen zu lassen? In diesem Beispiel steckt die Frage: Was ist zuerst, der Entscheid: «Ich vertraue» oder derjenige «ich misstraue»? Am Anfang steht offensichtlich ein Akt des Vertrauens: ich gehe zu meinem Hausarzt, dem ich zunächst einfach mal vertraue, sonst hätte ich ihn wohl kaum als meinem Hausarzt ausgewählt. Die Vorentscheidung: «Dieser Arzt ist mein Hausarzt» war ein Akt des Vertrauens und motiviert mich, ihn immer dann aufzusuchen, wenn ich das Gefühl habe, irgendetwas mit meiner Gesundheit sei nicht in Ordnung. Erst an zweiter Stelle kann sich Misstrauen einstellen, das derart intensiv werden kann, dass ich einen anderen Arzt aufsuche. Es können aber auch Zweifel mir selbst gegenüber auftauchen, etwa, wenn ich mich frage, ob ich nicht vielleicht ‘ein eingebildeter Kranker’, ein Hypochonder sei? Mit diesem Beispiel möchte ich die folgende These untermauern: Am Anfang einer Handlung stehen Akte des Vertrauens, sonst käme man gar nicht zum Handeln. Erwägungen, die man als ‘misstrauisch` bezeichnen muss, kommen erst an zweiter Stelle. Wenn wir eine Kultur im Bereich ‘Vertrauen’ – ‘Misstrauen’ aufbauen und gestalten wollen, dann nur auf dem tragenden Fundament der Tatsache, dass es kein Misstrauen geben kann, es sei denn auf einem Nährboden von Vertrauen. SH Dein Arzt-Beispiel weckt in mir die uralte Huhn-Ei-Frage. Die bleibt verzwickt, kann es doch ohne Huhn kein Ei und ohne Ei kein Huhn geben. Ist es in deinem Fall nicht so, dass du deiner Gesundheit misstraust, und darum gehst du zum Arzt. Und klar, indem du ihn aufsuchst, vertraust du ihm – auch aufgrund von Erfahrungen. Aber selbst wenn er dich im Moment zu beruhigen vermag, wirst du doch diesen deinen Schmerz weiterhin aufmerksam kontrollieren, im Sinne des immer wieder falsch zitierten Leninwortes: «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser». Richtig übersetzt lautet das russische Sprichwort nämlich: «Vertraue, aber prüfe nach»! Und dieses Nachprüfen sehe ich nicht einfach als Expertensache. Vielmehr geht es um meine Schmerzerfahrung, meine Gesundheit und meine Verantwortung dafür. Es geht darum, selber zu spüren, selber zu denken, selber zu gewichten und selber zu entscheiden, das heisst, mir selber zu trauen. Wie in
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