baldeggerjournal

13 solchen Situationen das Kräftespiel von Vertrauen und Misstrauen ausgeht, hängt wohl an meinem Selbstvertrauen, meinem Getrauen. Der Mangel daran kann mich im falschen Moment vertrauensselig oder misstrauisch werden lassen. Ich kenne beides aus Erfahrung. Das zeigt: ‘Vertrauen’ und ‘misstrauen’ sind vernünftige menschliche Antworten auf konkrete Situationen. Sie haben beide den Sitz im alltäglichen Leben. Was es zu kultivieren gilt, liegt im Zwischen, nämlich: Fragen stellen und sie aushalten, Eindrücke ernst nehmen, unterschiedliche Meinungen wahrnehmen und respektieren, sich vernünftig informieren, Skepsis und Bedenken in Sprache fassen, Expertenwissen nützen und schätzen, dabei aber möglichst unabhängig bleiben, den eigenen Erfahrungen, dem eigenen Erleben trauen und so blosser Anpassung widerstehen. Ohne Vertrauen in sich selbst, geht das nicht. Schon bei Geburt schreien wir danach, aber wie bildet es sich im Laufe des Lebens aus? Vor allem durch Erfahrung, meine ich. Mir wurde von Kind an einiges zugetraut, zugemutet. In einer bäuerlichen Grossfamilie ergeben sich Herausforderungen von selbst. Und ich meine, es sei dieses intuitive Zutrauen anderer, das immer auch herausfordert, was mich getrauen und mir selber trauen lehrt. Und es sind Menschen, die ich als vertrauenswürdig erfahre, aber auch jene, an denen ich heilsames Misstrauen erlernen muss. Das gilt ein Leben lang und geht nicht schmerzlos. HW Selbstvertrauen als Grundlage einer gesunden Vertrauenskultur, an einem solchen Gedankenstrang webe ich gerne weiter. Ich meine aber, es gibt neben der sozialen auch eine elementar-biologische Grundlage des Selbstvertrauens, die Vitalität. Ich denke an die Bewegungs- und Spielfreude kleiner Kinder. Ihre beharrlichen Gehversuche trotz Misserfolgen führen mir ein lebhaftes Selbstvertrauen vor Augen, das sich einem vitalen Lebenswillen verdankt. Oder denken wir an spielende Kinder in Kriegsgebieten, welche eindrücklich zeigen, dass auch unter widerlichsten Umständen so etwas wie Lebensfreude aufkommen kann, eine Freude, die ohne eine Art Ur-Vertrauen ins Leben nicht möglich wäre. Solchem Erleben ist das Misstrauen fremd. Wenn es dann um Wagnis geht, wie den Weitsprung über den Bach oder den Sprung vom Drei-Meter-Brett, genügt der vitale Impuls allein nicht mehr. Es stellt sich die Frage: Traue ich es mir zu? Darin schwingt vernünftiger Zweifel mit, der uns immer wieder überlegen und abschätzen heisst, um das vernünftige Mass von Getrauen und Misstrauen zu finden. Aber ohne den vitalen Impuls kommt es nie zum Sprung. Beinahe alle Lebensbereiche fordern zu gesunder Skepsis, zu berechtigtem Zweifel heraus. Indem wir uns dieser Provokation stellen, können wir uns vor naiver Vertrauensseligkeit und krankhaftem Misstrauen bewahren: im Bereich persönlicher Beziehungen genauso wie bei Entscheidungen in Wirtschaft, Religion und Politik. Überall sind wir gefordert, uns offensiv zu informieren, die Informationen durch den Filter unserer eigenen Kriterien einer Prioritätsordnung zu unterziehen und erst dann Entscheidungen zu treffen. Dies im Bewusstsein, dass stets ein Restrisiko bleibt, das nur dann erträglich wird, wenn wir auf ein durch Reflexion kritisch geläutertes Selbstvertrauen zurückgreifen können. Bei politischen Entscheidungsprozessen wird es dann besonders schwierig, wenn

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