14 ZweiMinutenPredigt es um ethisch relevante Gebiete geht, wie etwa die Präimplantationsdiagnostik. Naiv und vertrauensselig wäre in diesem Fall eine Entscheidung, wenn ich mich einfach von meinem Bauchgefühl leiten liesse, ohne mich zuvor offensiv informiert zu haben. Einem ungesunden Misstrauen würde ich dann erliegen, wenn ich überall nur und ausschliesslich die möglichen Gefahren in die Waagschale werfen würde. Bevor ich dann schliesslich ein Ja oder ein Nein ankreuze, sollte ich ruhig ein inneres Hin- und Herschwanken aufkommen lassen, um dann nach einer gewissen Zeit – risiko- und selbstverantwortlich – den Abstimmungszettel auszufüllen. SH Hier könnten wir unser MailGespräch neu beginnen: Trau! Schau! Wem? Denn Informationen, vor allem im virtuellen Raum, sind schlicht grenzenlos, dazu noch mehr oder weniger beliebig und jederzeit leicht zugänglich. Echte Begegnungen von Mensch zu Mensch werden darob immer spärlicher. Aber ob wir einer Situation trauen dürfen oder misstrauen müssen, ob das, was der Mitmensch ist und sagt, mich überzeugt, hängt von direkter Begegnung ab. Aesops Ziege zeigt es. Sie stellt sich dem Gegenüber, nimmt den ganzen Löwen in den Blick: seine lüsternen Augen, das freche Maul mit der ausgestreckten Zunge, seine angriffige Stellung. Sie hört das Doppelbödige aus des Löwen Stimme und spürt so seine wahre Absicht. Sie nimmt alle diese Eindrücke ernst und merkt: Nichts, aber auch gar nichts an seinem freundlichen Anerbieten ist vertrauenswürdig. Da fällt der Verzicht auf die trefflichsten Kräuter leicht. Mir fällt da die Inschrift am Stadttor von Schaffhausen ein. In Stein gemeisselt steht dort: «Lappi, tue d’ Augen uf!» Gemeint sind wohl nebst den Augen des Leibes, jene des Geistes und des Herzens. Es ist doch so: Des Vertrauens würdig sein, möchten wir alle, in jeder Hinsicht. Und andern vertrauen können, möchten wir auch. Wir fühlen uns gewürdigt, wenn uns Vertrauen geschenkt wird und entwürdigt, wo uns misstraut wird. Dabei geht es um nichts weniger als um unsere Würde als Menschen. In uns ist die Erfahrung: Empfangenes Vertrauen stärkt und geschenktes Vertrauen richtet auf. Da bleibt die Frage: Warum denn nimmt Misstrauen so viel Raum ein in unserer Welt und Zeit? Wie eine warme Decke breitet sich die Müdigkeit eines Sonntagnachmittags über das Zugsabteil. Die meisten Reisenden dösen vor sich hin, einige mit verstöpselten Ohren, andere mit einer zerknitterten Zeitung auf den Knien. Vor mir liegt noch eine gute Stunde Fahrt im Voralpenexpress. Nebenan im Abteil sitzt ein Vater mit drei Kindern. Zwei spielen Karten. Eines zieht sich am Papa hoch wie an einer Kletterstange, rutscht hinunter, auf und ab. Plötzlich passiert, was bei solchen Turnübungen im ruckligen Zug halt vorkommen kann: die Kleine fällt hin und schreit wie am Spiess. Einfühlsam tröstet der Papa seine kleine Prinzessin. Hinter mir beginnt ein verärgerter Passagier laut und unflätig zu schimpfen. «Haben Sie auch Kinder?» fragt der Vater ruhig. «Gott sei Dank nicht!» schnaubt er zurück und schiebt noch einen wüsten Fluch nach. Als wolle die Kleine gegen diese schrecklichen Worte protestieren, beginnt sie erneut zu schluchzen. «Solche Kinder sollte man erschiessen», schreit der erregte Mann nun ungehemmt durch den Zug. Erschreckt drücken sich die drei Kinder in die Arme des Vaters. Totenstille, kein Wort, kein Räuspern, kein Zeitungsrascheln mehr. Es ist als hielte der ganze Zug den Atem an. Der älteren Dame vis-à-vis, der das Spielen der Kinder vorher noch ein Leuchten ins Gesicht zauberte, kriecht die Angst ins Gesicht. Zuhinterst im Zug steht ein junger Mann auf. Mit ruhigem Schritt kommt er näher. Die Spannung steigt ins schier Unerträgliche. Neben mir bleibt er stehen, schaut den erregten Mann an und sagt mit fester Stimme den einen Satz: «Ich möchte Ihnen einfach sagen, dass ich mit dem, was Sie vorhin sagten, nicht einverstanden bin.» So ruhig und so still wie er gekommen war, geht er zurück. Unzählige Augenpaare folgen ihm, ungläubig und staunend. Die dumpfe Schockstarre über den Reisenden löst sich erst als das «Wir treffen in Rapperswil ein» durch den Lautsprecher tönt. Wortlos verlässt der ausgerastete Passagier den Zug. Und mein Vis-à-vis beugt sich zum Papa hin und sagt laut und für alle vernehmlich: «Sie sind ein wunderbarer Vater!» Monate sind vergangen. Doch wenn ein Voralpenexpress durch die Landschaft flitzt, sehe ich den jungen Mann, der traute, aufzustehen und sich dem bösen Wort entgegen zu stellen. Und denke: so hätte auch Jesus getan. mrz ZweiMinutenPredigt
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