6 Kloster Baldegg wirtschaftliche und politische Einflussnahme, Lehren und Lernen, Macht und Ohnmacht, Ökologisches und Nachhaltiges findet Eingang in Stiftungsurkunden. Das alles findet diskret oder mit grossem Pomp statt. Events, veranstaltet von Organisationen aller Art, Kirchen, Politik, Banken und Versicherungen, Sportlern usw., finden täglich statt. Steuerumgehung und Geldwäsche sind weitere Aspekte. Die Stiftungslandschaft ist heute nicht mehr überschaubar. «Foundation» ist auch ein Kosmetika. Man kann damit ein schlechtes Gewissen gegenüber den Destinatären überschminken. Ob es gut ist, den Menschen ständig, gar aggressiv, an Mitleid und Erbarmen zu erinnern? Es könnte also sein, dass das «schlechte Gewissen» zum Stiften anregt? ARS: Ja! Das wachsende «Gap» (Wohlstandsgefälle) zwischen Armen und Wohlhabenden, das Auseinanderdriften ganzer Bevölkerungsgruppen und das damit wachsende «schlechte Gewissen» deswegen, führt auch zur Zunahme der Anzahl von Stiftungen. Das war zu allen Zeiten so und ist auch heute eine u.a. herausragende Motivation. Bill Gates oder Warren Buffet, beides Menschen mit einem riesigen Vermögen, haben Teile ihres Vermögens in Stiftungen gegeben und andere Milliardäre ermuntert, einen Teil ihres Vermögens Stiftungen abzutreten. Warum tun sie das? Ist das ein neues Phänomen oder kommt es nur in frischer Aufmachung daher? ARS: Ich denke letzteres ist zutreffend. Frische Aufmachung lässt mich an Kleidung, Mode denken. Bei Wikipedia lässt sich nachlesen, dass mit Moden in der Regel eher kurzfristige Äusserungen des Zeitgeistes assoziieren. Auch als «Marketinginstrument» werden Stiftungen eingesetzt. In den USA haben Stiftungen seit langem eine grosse Bedeutung in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Erziehung, Bildung, Kultur und im Gesundheitswesen. 1904 gründete der Philanthrop Andrew Carnegie (Stahlmagnat) seine erste Stiftung. 1905 wurde der erste Rotary Club (Service-Club) gegründet. 1913 folgte John D. Rockefeller (Ölmagnat) mit seiner Stiftung. Viele andere kapitalkräftige Personen folgten ihrem Beispiel, so heute Gates und Buffet. Sind sie nur Nachahmer? Auch das gibt es. Zum Thema Stiftung las ich kürzlich in der NZZ einen Artikel mit der Überschrift «Die Unsterblichkeit eines Namens hat ihren Preis». In derselben Zeitung stand zu lesen, dass man statt nur eine Rangliste der Bestverdienenden auch eine der grössten Spender/Wohltäter erstellen sollte. Ich bin nicht sicher, ob die Rangierung der Namen auf den Listen gleich lautet. Stiftungen gab und gibt es immer und in allen Gesellschaften der Welt, mit und ohne spezifischer Rechtsform. In ihrer Ausprägung sind sie aber sehr unterschiedlich, so unterschiedlich wie die einzelnen Gesellschaften soziologisch, kulturell, juristisch usw. in ihrer Verfasstheit es sind. Vor Jahren haben Sie selber eine baufällige Kapelle der katholischen Kirche übernommen und sie originalgetreu wieder aufbauen lassen. Ist dies ein Ausdruck Ihres persönlichen Stiftungsverständnisses? ARS: Als meine Mutter jeweils im Sommer bei mir in den Ferien weilte, besuchte sie regelmässig die sehr baufällige Kapelle und besorgte den Blumenschmuck. Ein sehr schneereicher Winter führte zum Zusammenbruch der Kapelle. Meine Mutter bat mich kurz vor ihrem Ableben darum, die Kapelle wieder aufzubauen, habe doch mein Vater vor vielen Jahren in Zürich einer italienischen Diasporagemeinde materiell auch geholfen, ein eigenes Gotteshaus zu bauen. Der Bitte bin ich ohne fremde Hilfe nachgekommen. Ich habe die Kapelle von einer Stiftung mit bischöflicher Zustimmung erworben. Das Nachforschen ihrer Stiftungsgeschichte führte zu wenig erbaulichen Tatsachen, so dass mir keine andere sinnvolle Wahl blieb. Im Grundbuch liess ich deren kirchlichen Zweck als «Servitut» eintragen, dass sie unter der Obhut der Kirchgemeinde und ihres Pfarrers zu gottesdienstlichen Zwecken dienen soll. Baukosten, Kosten für baulichen Unterhalt, Reinigung, Strom bis hin zum Blumenschmuck gingen und gehen zu meinen Lasten. Die Kapelle «Notre-Dame-des Neiges» ist heute ein rege besuchter Einkehrort, Tauf- und Heiratsgottesdienste werden in ihr gefeiert, und im Sommer regelmässig an Sonntagen auch ein Gottesdienst. Gibt es Stiftungen, die für Sie unverzichtbar sind? ARS: Ja. Alle Stiftungen, die die Bedingungen für menschenwürdiges Dasein verbessern und das diesbezügliche Ungleichgewicht wieder ins Gleichgewicht bringen. Bestehende Stiftungen sollte man aber in die «chemische Reinigung» bringen. Gereinigt könnten sich dann leichter mehr «unverzichtbare Stiftungen» finden lassen. Wäre eine Schenkung statt eine Stiftung auch ein Weg? ARS: Das Obligationenrecht erwähnt im Abschnitt ‹Die Schenkung› Art. 242 Abs. 2 folgendes: «Eine Schenkung von Hand zu Hand erfolgt durch blosse Übergabe der Sache vom Schenker an den Beschenkten». Spart nicht nur Post- und Bankspesen …! Einen abschliessenden Satz zum Thema «Stiften, Schenken und Widmen»? ARS: Im l’Osservatore Romano las ich letzthin die Frage: «Widmen wir dem Herrn genügend Zeit?».
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