baldeggerjournal

13 meiner persönlichen Geschichte zu tun haben, den Menschen etwas zurückgeben. Meine Kindheit war nicht immer einfach, aber heute bin ich in der glücklichen Lage, mit meinem Geld benachteiligten Menschen zu helfen. Man muss dies aber auch realistisch sehen; – ich bin Geschäftsmann. Ohne meinen Erfolg könnte ich mich finanziell nicht so einsetzen. In diesem Zusammenhang haben Sie schon recht, wenn Sie sagen: «Geld regiert die Welt». Ich habe ein ehemaliges Kinderheim, in welchem ich selber eine Zeit lang gelebt habe, gekauft und die erste Nationale Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder realisiert. Die Gedenkstätte ist zugleich das «Geburtshaus», der von mir lancierten Volksinitiative für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Die Gedenkstätte soll der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Es soll ein Ort der Erinnerung und Hoffnung werden. Es soll der Aufklärung, dem Austausch zwischen den Generationen und letztlich der Wiedergutmachung dienen. In diesen Räumen sind Bilder und Dokumente der historischen Aufarbeitung zu einer bewegenden Ausstellung gestaltet. Die Situation der damaligen Heim- und Verdingkinder soll so für Besuchende sicht- und nachvollziehbar werden. Diese Gedenkstätte mit der entsprechenden Infrastruktur bietet interessierten Schulklassen kostenlos die Gelegenheit, in Lagerwochen oder Workshops sich umfassend dem Thema zu stellen. Die originale Umgebung unterstützt das Lernen an Ort. Auch Gruppen und Privatpersonen nützen diese Möglichkeit. Das mit der grossen Handlungsfreiheit von Stiftungen sehe ich etwas anders. Da meine Stiftung steuerbefreit ist, können die Gelder nicht einfach eingesetzt werden, wie mir beliebt, obwohl sie zu 100 Prozent von meinem Vermögen finanziert wird. Die monetäre Unterstützung muss zwingend unseren Stiftungszwecken entsprechen. Der jährliche Rechenschaftsbericht an die Steuerbehörde über die getätigten Engagements wird genau geprüft. Dies sehe ich aber auch als eine Notwendigkeit, damit die Gelder nicht zweckentfremdet werden, eben geschützt sind. SH Sie wissen es wohl besser als ich: Es ist die Stifterperson, die einer Stiftung ihr unverwechselbares Gesicht gibt. Und es ist die konkrete Stiftungsarbeit, die eine Stiftung lebendig hält, ihre Ausstrahlung und Glaubwürdigkeit sichert. Als Psychologin weiss ich: Ohne subjektive Betroffenheit passiert bei uns Menschen wenig oder nichts. Was wir am eigenen Leib erfahren, bewegt. Wer sich immer an einen gedeckten Tisch setzen kann, weiss nicht wirklich, was Hunger ist. Wer von jung auf alles selbstverständlich hat oder sich kaufen kann, wird fremde Not kaum fühlen. Wer immer gesund ist, vergisst allzu leicht die Verletzlichkeit dieses hohen Gutes. Und wer von Kind auf die familiäre Nestwärme sich einverleiben durfte, versteht schwerlich, was es heisst, an Leib und Seele unbehaust zu sein. Niemandem wünschen wir solch schmerzliche Erfahrungen. Aber wir wünschen allen die Empfindsamkeit für jene, die solches erfahren haben. Barmherzigkeit im Sinne von Papst Franziskus trifft wohl besser, was ich meine. Ich sehe darin eine urreligiöse Fähigkeit und Aufgabe. Paul Tillich, der Religionsphilosoph, sagt es so: «Religion ist das, was mich unbedingt angeht». Die Gretchenfrage ist, ob ich spüre und damit überhaupt erkenne, was mich unbedingt angeht.

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