baldeggerjournal

14 Vielleicht bin ich etwas zu gutgläubig, wenn ich meine, dass der Guido-FluriStiftung letztlich diese Frage und die persönliche Antwort darauf zugrunde liegt. Anders kann ich Ihr enormes menschliches und politisches Engagement für «die Opfer administrativer Platzierung von Kindern» nicht begreifen. Sie blieben beharrlich dran, die politischen und kirchlichen Verantwortungsträger mit ins Boot zu holen, sogar unsern Papst Franziskus. Die breite öffentliche Anerkennung liess doch lange auf sich warten. GF Da haben Sie völlig Recht. Wie bereits oben erwähnt, haben meine Stiftungszwecke «Schizophrenie, Gewalt an Kindern und Hirntumore» direkt mit meinen Erlebnissen in der Vergangenheit, aber auch in der Gegenwart, zu tun. Meine Mutter erkrankte an Schizophrenie, als ich noch klein war. Aus diesem Grund konnte ich nicht immer bei ihr leben. Beim letzten Stiftungszweck «Hirntumore» bin ich selber betroffen. Wichtig scheint mir aber, dass durch die traumatischen Erfahrungen in der Kindheit solche von Ihnen erwähnte Projekte nicht vordergründig als Selbstzweck missbraucht werden, sondern im Interesse, ja im Dienste der Gesellschaft sind. Das benötigt Kritikfähigkeit, da man sich dem politischen Prozess stellen muss. Bei der Volksinitiative, wo es um schwerstbetroffene Menschen geht, braucht es eine hohe Sensibilität für traumatisierte Menschen. Da hat mir meine eigene Geschichte geholfen. Zur Frage nach der religiösen Ortung meiner Stiftungsarbeit kann ich nur soviel sagen: Ich habe mich ein Leben lang immer am Evangelium orientiert. SH In meiner Beratungsarbeit erfahre ich immer wieder: Auch in unserer reichen Schweiz gibt es viele vergessene, ausgegrenzte und vereinsamte Menschen, dazu Armut mit ihren ganz unterschiedlichen Gesichtern. Nicht zu übersehen sind die psychischen Erkrankungen, vor allem die chronischen. Sie wachsen stetig an. Jahresberichte von Institutionen wie z. B. «die Dargebotene Hand» sprechen eine deutliche Sprache. Geld spielt fast immer mit; tiefgreifender aber zeigt sich mir der Mangel an Beachtung, Zugehörigkeit und Beziehungen. Beziehungen stiften und pflegen, in einer Welt, wie wir sie heute vorfinden, ist notwendig und im wörtlichen Sinne notwendend. Darüber hinaus bedarf es der unermüdlichen Aufklärung in der Gesellschaft, denn es geht alle an. Es braucht solides Wissen und verlässliche Zusammenhänge. All das zusammen macht wirksame und ‹menschliche› Stiftungsarbeit anspruchsvoll, stelle ich mir vor. GF In der heutigen digitalisierten Welt findet das persönliche Gespräch mit einem fremden Menschen fast nicht mehr statt. Man rennt durch die Strassen mit dem Handy am Ohr und lebt in seiner eigenen Welt. Ich erhalte sehr viele Briefe von leidgeprüften Menschen, die einsam sind. Es gibt niemand, dem sie ihr Herz ausschütten könnten. Ich spüre die grosse Dankbarkeit, wenn ich mir die Zeit für ein persönliches Gespräch nehme. Es ist ein Geben und Nehmen. Es macht auch mich glücklich, wenn ich einem Menschen helfen kann. Eine breite Aufklärung in der Gesellschaft über sensible Themen wie Schizophrenie oder Hirntumore ist wichtig. Die Stiftung organisiert Vorträge zum besseren Verständnis für an Schizophrenie erkrankte Menschen. Ebenfalls haben wir diverse internationale Forschungsprojekte in der Hirntumorforschung unterstützt. Beispielsweise auf der Internetplattform www.akustikusneurinom.info finden Hirntumorpatienten eine grosse Sammlung an Fachwissen, und es besteht die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen in einem Forum auszutauschen. SH Eben jetzt, wo unser Mail-Austausch endet, fällt mir doch das folgende anonyme Gedicht zu. «Als Gott mich suchte, traf er mich beim Zeitungslesen. Er sprach: ‹Was ist mit Abel gestern los gewesen?› Ich sagt’: ‹Ich habe nichts gelesen.› Er sprach: ‹Der Mensch lebt nicht von Zeitung und Essen.› Ich: ‹Nein, sondern vom Vermarkten und Vergessen.› Er sprach: ‹Und weisst von nichts und hörtest keinen Schrei?› Ich sagt’: ‹Ich sah und hörte wohl, doch ging’s vorbei.›» Guido Fluri hingegen antwortete mit seiner Stiftung: ‹Weil ich sah und hörte, schritt ich zu Taten.› Ja, es ist und wird so bleiben wie Erich Kästner in seinem Roman «Fabian» schreibt: «Es gibt nichts Gutes, ausser: Man tut es.» Zwei Meinungen – ein Thema

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