6 Allein weiss ich Eine Mutter erzählt, wie ihr zwölfjähriger Sohn sie zur Verzweiflung bringt: «Eigentlich ist er ein süsser, kleiner Junge, der niemandem etwas zuleide tun kann. Aber wenn er einmal etwas nicht bekommt, was er will, wird er zum Tier und tickt völlig aus. Ich habe meinem Sohn früher immer alles gekauft, was er wollte, weil ich dachte, dass ich so eine gute Mutter sei. Als ich begann, auch einmal ‚nein‘ zu sagen, rastete mein Sohn völlig aus. Er beschimpfte mich als ‚dumme Kuh‘ und hat mich sogar einmal ins Gesicht geschlagen. Ich habe mich jetzt an einen Therapeuten gewandt und hoffe, dass das hilft; allein weiss ich nicht mehr weiter.» Leider ist es kein Einzelfall, was diese Mutter erzählt. Eltern, die sich nicht trauen «nein» zu sagen und ihre Kinder verschonen wollen vor frustierenden Erfahrungen, werden die Sklaven ihrer eigenen Tyrannen: «Mutter, gib mir Geld, sonst schlage ich dich.» Kinder, die alles bekommen, werden nie glücklich sein, weil sie nie genug bekommen. Aus dem Elternhaus entlassen, kommen sie in eine Welt, in der ihnen radikale Grenzen gesetzt werden. Aber sie haben nicht gelernt, mit Grenzen umzugehen. Sie sind überfordert und müssen oft über die IV beruflich eingegliedert werden; junge Menschen, die völlig gesund sind! Sind es nur die Jugendlichen, die vom Leben überfordert werden? Stösst nicht auch unsere Sozialhilfe mehr und mehr an ihre Grenzen? Sind nicht die Familien mit ihren Kindern oft überfordert? Leben kann nur in Grenzen gelingen Die Überforderung beginnt an der Grenze vom Endlichen zum Unendlichen. Endlichkeit ist ein Grundzug der menschlichen Existenz. Überall stossen wir an Grenzen. Wir bekommen nie das Ganze in den Blick. Bruchstück ist unser Erkennen, Bruchstück unser Wissen. Das Endlich-Bruchstückhafte weist unser Leben in seine Grenzen. Leben kann nur in Grenzen gelingen. Die Grenze ist dem Menschen sozusagen eingestiftet. Das rechte Mass für Essen und Trinken ist uns vorgegeben mit dem Gefühl, dass wir satt sind. Wer masslos isst und trinkt, wird krank; der Organismus ist überfordert. Anders wer sich seiner Endlichkeit bewusst bleibt, der weiss sich abzugrenzen. Er grenzt sich ab gegen innen und gegen aussen. Von innen her müssen wir lernen, unseren Gefühlen Grenzen zu setzen, dass wir nicht, wie der Zwölfjährige, «völlig austicken» und gewalttätig werden. Wir müssen uns auch nach aussen abgrenzen. Wer allen Anforderungen, die an ihn herangetragen werden, entsprechen will, wird sich überfordern. Die Umfriedung Wer sich seiner inneren und äusseren Grenzen bewusst bleibt und sie verinnerlicht, für den werden seine Grenzen zur Umfriedung. Die Umfriedung schützt das Leben, gibt ihm Geborgenheit. Der Garten Eden, von dem die Bibel erzählt, könnte das Urbild menschlicher Umfriedung sein. Gemeint ist der Lebensbereich, in dem das Geschöpf Mensch mit sich und mit allen Geschöpfen in Frieden lebt. Umfriedung hat aber nichts zu tun mit Behäbigkeit, in der sich jemand einrichtet, sich verschliesst und nur noch um das eigene Seelenheil besorgt ist. Was die Umfriedung für das Leben bedeutet, veranschaulicht der Psalm 80. Er vergleicht das Volk Israel mit einem Weinstock, den Gottes Liebe gepflanzt und mit einer Mauer eingegrenzt hat. Aber das Volk ist untreu geworden und hat die Mauern, die Umfriedung des gemeinsamen Lebens, eingerissen. So kann der Betende nur noch klagen über den zerstörten Weinberg: «Alle, die des Weges kommen, plündern ihn aus. Der Eber aus dem Wald wühlt ihn um, die Tiere des Feldes fressen ihn ab.» Das Leben kann nur in Grenzen gelingen, die, verinnerlicht und jedem Zwang enthoben, zur Umfriedung werden. Die Kraft der Sehnsucht «Der Mensch ist ein Hungerleider nach Glück, aber die Welt ist eine Nummer zu klein geraten.» Der Mangel, den wir in der Endlichkeit alles Irdischen erfahren, weckt die Sehnsucht nach dem Unendlichen, nach unbegrenzten Möglichkeiten. Die Technik scheint auf diese Sehnsucht zu antworten. Ist es verwunderlich, dass die Menschheit mit dem Fortschritt der Technik die Lösung ihrer Probleme und die Heilung von allen Übeln erwartet, vor allem die Beseitigung des Grundübels: Die Endlichkeit? Aber gerade die Flut an Informationen, die durch die Technik auf uns zukommt, überfordert das menschliche Gehirn. Es vermag die Informationen nicht mehr zu verarbeiten. Schliesslich endet die dauernde Überforderung in einem geistigen Analphabetentum oder in der Erkrankung der «Borderliner», die ihre inneren und äusseren Grenzen nicht mehr wahrnehmen können. Was für die Technik gilt, gilt ebenso für die Politik. Kloster Baldegg P. Hubert Holzer SJ, Basel nicht mehr weiter
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