baldeggerjournal

8 In einer durch die Forderung nach Maximierung des Gewinns geprägten Gesellschaft breitet sich zunehmend ein Leistungsdenken aus, das den Menschen bis an seine Grenzen beansprucht. Es wird aus ihm alles, auch das Letztmögliche, herausgepresst. Schon beim Kleinkind ist Leistung gefragt; auch bei ihm wird gezielt eine Optimierung seines Potentials angestrebt. Werden Defizite festgestellt oder Kompetenzen nicht erreicht, wird ein spezielles Förderungsprogramm aktiviert; besorgte Eltern erhalten Aufgebote zur psychologischen Abklärung, und zusätzliche Stützprogramme treten in Aktion. Normen müssen erreicht und letzte Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Die Ideologie des maximal Machbaren beschränkt sich aber nicht nur auf die Zeit der Kindheit. Sie hat bestimmenden Einfluss auch auf alle kommenden Lebensphasen und dringt zunehmend in alle Lebensbereiche des heutigen Menschen ein. Nicht nur die Arbeitswelt ist davon betroffen; immer mehr macht sich auch in der Freizeit, im Sport und selbst in der Sexualität eine Mentalität breit, derzufolge Ziele erreicht, messbare Leistung angestrebt und Erfolge vorgezeigt werden müssen. Dabei zählen vor allem materieller Gewinn, gesellschaftlicher Einfluss, Prestige und Macht. Man könnte sich nun fragen, ob die Menschheit damit nicht genau das erreicht hat, was die Entwicklungspsychologie schon seit langem propagiert: Die maximale Förderung der Potentiale jedes Einzelnen. So schlug etwa der russische Sozial- und Entwicklungspsychologe Vygotsky vor, die angestrebten Entwicklungsziele bei Kindern derart anzusetzen, dass sie immer etwas über dem Erwartungsbereich der potentiellen Entwicklung liegen. Vigotsky spricht dabei von einer «Zone der proximalen Entwicklung». Damit meint er jenen Bereich, der nur dann zur Entfaltung kommt, wenn vorhandene Potentiale durch geschickte Aktivierung und durch intensive Förderung geweckt werden. Dies gelingt im interaktiven Zusammenspiel von stimulierenden Einflüssen der Umwelt, der unterstützenden, ermutigenden und vorbildhaften Begleitung von Vertrauenspersonen, aber auch durch das eigene, intensive Engagement des Kindes.1 Was im ersten Moment als Ansatz erscheinen mag, der auf die Maximierung von Leistung ausgeht, strebt in Tat und Wahrheit aber ganz andere Ziele an. Für Vygotsky wird die Entwicklung des Menschen zu einer vollen Persönlichkeit angestrebt. Es geht nicht um Leistungen und Erfolge, sondern um einen Reifungsprozess, der alle Dimensionen des Menschseins beinhaltet. Darin liegt denn wohl auch der wesentliche Grund, warum eine solche Entwicklungsstrategie nicht zur Überforderung und zu Symptomen wie Stress, Burnouts oder Angststörungen führt. Werden die aufbauenden Charakteristiken und Tugenden eines Menschen nämlich gefördert, gelingt es ihm weit eher, seine eigene Identität zu finden und eine starke Persönlichkeit aufzubauen. In der Folge ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass er sein Leben in verantworteter Freiheit authentisch gestalten und Sinn und Erfüllung finden wird. Im Gegensatz zu einem solchen Konzept aber stehen in der gegenwärtigen Leistungsgesellschaft vor allem sichtbare Erfolge auf materieller und gesellschaftlicher Ebene als Ziele im Vordergrund. Mit dieser Forderung wird auf den Einzelnen ein unerhörter Druck ausgeübt. Er muss mit seinen Leistungen unter allen Umständen den Erwartungen einer vom Wettbewerb geprägten Leistungs-Ideologie gerecht werden. Die ständige Angst, dies nicht zu schaffen und damit nicht mehr zu den Erfolgreichen zu Kloster Baldegg Vom Überfordern Prof. Dr. Christiane Blank, Zofingen gehören, sondern zu den Verlierern, überfordert den heutigen Menschen. In einer Gesellschaft, die all jene, welche nicht reibungslos funktionieren, ins Abseits drängt und die gleichzeitig auch Arme, Kranke,Alte und Behinderte nur noch bedingt akzeptiert, verbreiten sich Angst und Unsicherheit. Die ständige Forderung nach maximaler Effizienz wird zur erdrückenden Überforderung. Bezeichnenderweise steht denn heute auch nicht mehr die Hysterie symptomatisch für die psycho-soziale Problematik der Zeit, wie es im frühen 20. Jahrhundert der Fall war. In der aktuellen Gesellschaft äussert sich die Überforderung in Form von Panikattacken, Depressionen und Burnouts. Statt aber bei deren Behandlung letztlich nur Symptome zu bekämpfen, ginge es heute vorwiegend darum, neue Gesellschaftsideale zu schaffen, die als Grundlage für ein authentisches und sinnerfülltes Lebensprojekt dienen können. Erfährt sich der Mensch nämlich wirklich als integriertes Glied einer Gesellschaft, in der er gebraucht wird, in der er als Einzelner in seiner Einmaligkeit und Eigenart geschätzt wird, in der er geliebt und unterstützt wird: dann werden auch starke Herausforderungen nicht zur Überforderung. In diesem existentiellen Zusammenhang stellt sich dann auch die Frage nach der transzendentalen Dimension des Menschen. Gibt Gott dem Menschen all jene Unterstützung, derer dieser so dringend bedarf, oder überfordert letztlich auch er den Menschen mit einer Freiheit, die ihn dazu zwingt, sein Schicksal eigenständig zu gestalten? Führt die menschliche Entscheidungsfreiheit mit ihrer ständigen Gefahr eines möglichen Scheiterns oder Schuldig-Werdens nicht ebenfalls zu Überforderung und erdrückender Bürde? Genau bei dieser Frage setzt das ein, was auf religiöser Ebene eigentlich mit «EuAngelion», mit «Frohbotschaft Gottes» gemeint ist. Gott mutet dem Menschen in der Tat die Freiheit zu, selbst zu entscheiden. Er traut ihm die Fähigkeit zu, sein Leben

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