9 1 Vgl. - www.fspsy.uni-freiburg.de/wp-content uploads/2010/.../zf-vygotsky.doc KOHL DE OLIVIEIRA, M. Vigotsky, São Paulo, Ed. Scipione, 2001 2 Vgl.WULF; C.M. Schuld, ins Wort gebracht, Vallender, Patris Verlag, 2008, S. 92 3 a.a.O. S. 92-95 4 RAHNER, Karl Gedanken über das Sterben, in: E. Schockenhoff (Hrsg.), Medizinische Ethik im Wandel, Ostfildern, 2005, S. 120. eigenständig in die Hand zu nehmen und fordert damit zu verantwortlichem Handeln heraus.2 Gleichzeitig aber überfordert er nicht. Stattdessen vermittelt er Mut und Kraft durch die bedingungslose Zusage seiner Liebe. Was immer auch geschehe: Fehlentscheidungen, Irrwege, Kleingläubigkeit, Verrat, Treulosigkeit, das alles beirrt ihn nicht in seiner unbedingten Annahme des Menschen. Beschränktheit und Unvollkommenheit tun seiner bedingungslosen Zusage und seiner alles verzeihenden Liebe keinen Abbruch. Genau dies aber ist es, was den grossen Unterschied ausmacht. Denn vor diesem Hintergrund verschwindet der Druck, immer perfekt funktionieren zu müssen, allen Ansprüchen zu genügen, sich ständig neu zu erfinden, um nicht ausgegrenzt zu werden. Es braucht keine Makellosigkeit, denn Gott akzeptiert unsere Beschränktheit und verzeiht unser Versagen und unsere Schwächen. Durch eine derart allumfassende Liebe werden wir auch noch im Scheitern gehalten. Gleichzeitig aber ist es wiederum jene Liebe, die uns nach jedem Versagen auch wieder ermuntert, neu zu beginnen, unser Potential ohne Druck zu entfalten und es zum Aufbau einer besseren Welt einzusetzen. Damit solches aber auch geschehe, ist es notwendig, «ja» zu sagen zu dem «Ja», das er uns gegenüber formuliert. Dieses «Ja» Gottes zu unserer Beschränktheit nämlich erweist sich bei näherem Zusehen als ein ungeheuerliches, in seiner Art nie dagewesenes Angebot. Es beinhaltet für Gott selbst die Schwierigkeit, den menschlichen Irrungen und Wirrungen zusehen zu müssen, ohne einzugreifen. In diesem Sinn bedeutet es für ihn selbst eine weit grössere Zumutung, als alle Anforderungen, denen wir je ausgesetzt waren.3 Gott aber ist damit nicht überfordert, er hält die Aufforderung aufrecht, wir sollen uns auf das Wagnis einlassen, unser Leben in Freiheit und im Vertrauen auf ihn zu gestalten. Zum Zeichen der absoluten Gültigkeit seines Angebots wird er in Jesus Christus selber Mensch. Er wird Mensch und zeigt damit auf die deutlichst mögliche Weise seine unbegrenzte Solidarität mit den Menschen. Und damit diese seine Botschaft völlig klar und unmissverständlich sei, «entäusserte er sich und wird … den Menschen gleich» (vgl. Phil 2,6-8). Er wird ihnen derart gleich, dass er als hilfloses Kind erscheint, vor dem niemand Angst zu haben braucht. Ein Kind kann man lieben; es lädt ein, sich ihm unbeschwert zuzuwenden. In Jesus hat Gott selbst uns damit von der archaischen Angst vor Gott erlöst. In Jesus hat Gott uns von der Angst erlöst, durch ihn nicht oder nicht mehr angenommen zu sein. In Jesus hat Gott letztlich auch «unseren Tod erlöst (...), in dem Gott selbst unseren Tod als seinen eigenen annahm». 4 Darum nennen wir diesen Mensch gewordenen Gott mit vollem Recht unseren Erlöser. Er erweist sich als ein «Gott mit uns»; und in der Absolutheit seiner Liebe gibt er dem Menschen die Kraft, über sich selbst hinauszuwachsen. Genauso wie nach der Theorie von Vygotsky das Kind seine Potentiale erst dann optimal entwickeln kann, wenn es seiner Bezugsperson vertraut; so können auch wir uns erst dann voll entfalten, wenn wir auf die grenzenlose Liebe Gottes bauen. Erst damit wird unser ganzes Lebensprojekt nicht zu einer Überforderung, sondern zur liebevollen Aufforderung, die eigene Existenz sinnerfüllt und beglückend zu gestalten. Prof. Christiane Blank, Dr. theol. und dipl. psych., ist emeritierte Professorin der Päpstlichen Theologischen Fakultät von São Paulo, an welcher sie 25 Jahre lang lehrte.
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