2 Dienen – eine franziskanische Grundhaltung Dienen offenbart sich ganz unterschiedlich. Immer aber drückt sich darin ein Beziehungsgeschehen aus, das mit Achtsamkeit, Wertschätzung und Einfühlung in Verbindung steht, mit Begegnungen in Hingabe an eine Person und eine Sache. Welche Ereignisse aus dem Leben des Heiligen Franz und welche seiner Worte können das veranschaulichen? Als Kaufmannssohn gehört er zur Oberschicht und ist unterwegs in ihr. Seine Familie kann sich Bedienstete leisten, zählt also zu den Herrschenden und Privilegierten ihrer Zeit. Dann gerät Franz unter die Aussätzigen – und als er auf sie zugehen und sie sogar umarmen kann, wird ihm «das Bittere süss», das bisher Abstossende vertraut. Das ihm Unbekannte, Neue und Gegensätzliche zieht ihn an und wandelt schliesslich sein Leben. Warum ist es möglich, dass Franziskus das interessante und wohlhabende Dasein eines Kaufmannssohns mit dem eines Bettlers tauscht und den Armen dient? Zwei Begegnungen auf Augenhöhe, jene mit den aussätzigen Menschen und jene mit dem gekreuzigten Jesus, der ihm in der Kreuzesikone von San Damiano in die Augen schaut, führen zu seiner Lebenswende. Fortan will er nichts anderes mehr, als «der Demut unseres Herrn Jesu Christus nachfolgen». Welche Situationen helfen ihm, dass er seinen Weg findet? Die Frage in einem Traum, von wem Franziskus Grösseres oder Besseres erwarte, vom Diener oder vom Herrn, führt ihn zur Erkenntnis, dass er als Ritter nur dem Diener folgt, denn nur einer ist Herr, der Schöpfer alles Geschaffenen, der «allmächtige Gott». Er will dem Herrn seinem Gott dienen, nicht seinem Knecht. In der Szene mit seinem Vater vor dem Bischof gibt er ihm die Kleider zurück. Er enteignet sich und lässt sich enteignen, um nur noch «dem Vater im Himmel» zu gehören und Jesus Christus in Wort und Tun zu folgen. Er wird dadurch frei für seinen Weg des Dienstes Gott und den Menschen gegenüber. Er muss sich um keinen Besitz kümmern, ihn nicht verteidigen. Die leeren Hände braucht er, um sich ganz in den Dienst des Evangeliums zu stellen, um zu schenken und sich zu verschenken. Wie hat er seine schnell wachsende Brüderschar auf diesem Weg geführt? Die Szene der Fusswaschung aus dem Johannesevangelium steht Franziskus Zeit seines Lebens vor Augen, wenn er seine Brüder begleitet und seine Erfahrungen transparent macht: Jeder soll dem anderen die Füsse waschen, besonders die Ministri (= Diener), das sind jene, die ein besonderes Amt in der Gemeinschaft haben. Konkret versteht er darunter, die Regel (= das Evangelium) selber zu verkörpern und sie im Blick auf das Leben der Brüdergemeinschaft auszulegen. Den einzelnen Bruder ermutigen, unterstützen, fördern, vielleicht auch ihn ermahnen oder gar korrigieren. Aber nie ihn unterwerfen, erniedrigen, entwürdigen oder gar beherrschen. Bildungshaus Stella Matutina Die Freiheit und das Vertrauen der Brüder untereinander soll so sein, dass sie «einander ihre Not zu offenbaren» vermögen (NbR 9,10). In der Regel für die Einsiedelei schreibt er gar, dass sie «Mütter» der anderen sein sollen. Und Mütter erahnen und erkennen die Nöte ihrer Kinder oft, bevor diese sie aussprechen. Das achtsame Hören auf die andere Person und auf die Sache ist Dienst am anderen, ermutigt und macht erfinderisch, wie Not sich wenden kann. Dienen ist Brüderlichkeit und Einfühlen in den Anderen. Ein Minister, der von seinen Brüdern geschmäht, dessen Anordnungen missachtet werden, die ihn gar schlagen, will sein Amt niederlegen und in die Einsamkeit fliehen. Franziskus verwehrt ihm das. Der Versöhnungswille soll sich auf alle Menschen beziehen, auch auf die Böswilligen. Keine Schuld kann so gross sein, dass sie nicht vergeben werden kann. Darum verlangt er vom Minister, dass er ein Klima der Versöhnung und Vergebung schafft. Der Bruder leistet so den Dienst, dem Schuldigen die Vergebung Gottes zu vermitteln. Das Dienen allein war Franziskus nicht genug. Er und seine Brüder wollten immer die Minderen sein. Franziskus verstand, was in der Geburt Jesu geschah. Der allmächtige und herrschende Gott wird wehrlos wie ein Kind. Abhängig, verletzlich, aller Zuwendung und Sorgfalt bedürftig. Er wird Mensch. In der anschaulichen Feier der Weihnacht in Greccio inszeniert er sinnlich dieses Geschehen. In der Kulisse der erlebbaren Krippe feiern die Brüder mit den Bauersfamilien der Gegend Eucharistie. Die Allmacht Gottes und die Demut Gottes bringt er in Verbindung zueinander. Sr. Beatrice Kohler, Hertenstein
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