4 Kloster Baldegg Dienen ist höchster Akt der Freiheit Herr Kardinal Kurt Koch, Sie waren früher an der Theologischen Fakultät in Luzern als Theologieprofessor tätig. Worin besteht Ihrer Meinung nach der Dienst des Theologen? Der Dienst des Theologen ist in erster Linie Dienst am Glauben, weil Theologie Reflexion des Glaubens ist. Theologie kann den Glauben nicht erfinden, sondern kann ihn nur als Geschenk empfangen. Es ist Aufgabe der Theologie, den Glauben so auszulegen, dass er ursprungsgetreu bleibt und zeitgemäss verkündet wird, nämlich so, dass der heutige Mensch ihn auch verstehen kann. Ich denke, dass jeder gläubige Mensch das Bedürfnis hat, den eigenen Glauben besser verstehen zu können. Darum ist der Dienst des Theologen vor allem auch ein Dienst an den Gläubigen, der ihnen hilft, ihren Glauben zu vertiefen, ihn besser zu verstehen und von ihm Zeugnis geben zu können. Als Bischof von Basel haben Sie die Mühen des Bischofsdienstes kennen gelernt. Was ist der wichtigste Dienst des Bischofs? Der Dienst des Bischofs ist in allererster Linie Dienst an der Einheit. Und dies ist ein wichtiger Dienst, weil die Kirche heute sehr vielfältig ist, mit vielen Meinungen und mit vielen Tendenzen. Der Bischof muss dafür sorgen, dass man bei aller Vielfalt in einer letzten Einheit mit der Diözese lebt. Die Diözese ist aber kein Lebensraum in sich allein, sondern muss immer wieder offen sein für die anderen Diözesen. Die Aufgabe des Bischofs besteht deshalb auch darin, das Bindeglied zur Gesamtkirche zu sein. In diesem Sinne ist dies auch ein Dienst an der Katholizität der ganzen Kirche. Wenn man jedoch die Leute fragt, was der Dienst des Bischofs sein soll, dann hört man etwa sagen «Ich wünsche mir einen Bischof zum Anfassen». Besteht der Dienst des Bischofs denn nicht einfach im «Den-Menschen-nahe-sein»? Dieses Nahe-sein drückte schon der Heilige Augustinus in der Predigt zu seiner eigenen Bischofsweihe aus, wenn er sagte: «Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ». Beides gehört unlösbar zusammen. Das «für euch» kennzeichnet den bischöflichen Dienst, den der Bischof nur in Beziehung und damit «mit euch» wahrnehmen kann. Der Dienst des Bischofs besteht in diesem «für euch», das er im Auftrag Jesu Christi in der Verkündigung des Wortes Gottes, in der Feier der Sakramente und in der Leitung des Bistums wahrnimmt. Um für die Menschen da zu sein und ihnen nahe zu sein, muss der Bischof zuerst Gott nahe sein und «Hörer des Wortes Gottes» sein. Papst Benedikt XVI. hat Sie 2010 nicht nur ins Kardinalskollegium aufgenommen, sondern Ihnen auch das Präsidium des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen übertragen. Worin besteht dieser besondere Dienst? Ich stehe jetzt im spezifischen Dienst der Einheit der gesamten Christenheit. Es geht um die Einheit, die Christus gewünscht hat. Jesus hat im hohepriesterlichen Gebet in Johannes 17 darum gebetet, dass seine Jünger eins seien, «damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast». Als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen ist es meine Aufgabe, dahin zu wirken, dass diese Einheit, die Christus gewünscht hat und für die er gebetet hat, wieder hergestellt werden kann. Im Laufe der Geschichte haben wir ja verschiedene Spaltungen erlebt, vor allem diejenige zwischen Ost und West im 11. Jahrhundert und die grosse Spaltung im Westen im 16. Jahrhundert. Dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen zugeordnet ist auch die Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum. Der jüdisch-christliche Dialog gehört somit ebenfalls zu meinen jetzigen Aufgaben. Macht dieser Dienst Freude? Den ganzen Reichtum der Christenheit entdecken zu können, macht mir wirklich Freude. In der Schweiz heisst ökumenisch ja einfach katholisch-reformiert. Weltweit gesehen führen wir jedoch Dialoge mit etwa sechzehn verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Es tut gut, die ganze Vielfalt zu sehen und vor allem auch die Begegnungen mit den orientalischen Kirchen zu erleben. Auch wenn wir da eine Spaltung von 1500 Jahren haben, fühle ich mich jeweils bei diesen Kirchen sofort daheim, weil wir ja den gleichen Glauben und sogar die gleiche kirchliche Struktur teilen. Und die Sorgen? Mich beschäftigt, dass uns das gemeinsame Ziel ein wenig abhanden gekommen ist. Wenn man nicht mehr klar sieht, wohin die Reise gehen soll, dann besteht
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