baldeggerjournal

8 Dienen steht in einer Zeit der Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung nicht hoch im Kurs. Man will nicht dienen, nur noch verdienen (Melzer). Trotzdem oder gerade darum empfiehlt sich, darüber nachzudenken, was es mit dem Dienst und dem Dienen auf sich hat. Einfach ist das allerdings nicht. Schon das Wort macht Mühe, geschweige der Begriff. Im Hintergrund des Wortes steht die Wurzel tek. Sie bedeutet «laufen». Wortgemäss ist der Diener also ein Laufbursche, der immer auf dem Sprunge ist, um seiner Herrschaft stets zu Diensten sein zu können. Diese Dienstbereitschaft wird in der Demut zur Gesinnung des Gefolgsmannes, der seinem Dienstherrn mutig die Treue hält und keine Mühe scheut, um ihm Nutzen zu bringen. Entsprechend bedeutet dienlich nützlich. Zum schwierigen Wort gesellt sich der nicht minder schwierige Begriff des Dienens. Dies gilt es, genauer zu bedenken. Dienen – menschlich gesehen Dienen und Dienst begegnen uns in so vielfältigen Erscheinungsformen, dass es nicht gelingen will, den Dienst unter einen eindeutigen Begriff zu bringen. Keiner wird heute mehr als Berufsbezeichnung Dienstbote angeben. Dienstmänner auf dem Bahnhof sind fast oder ganz verschwunden. Dienstbare Geister sind im Herrschaftshause lange zu suchen. Aber umso mehr: Beamtinnen und Beamte tun getreulich ihren Dienst. Auch der Militärdienst wird nach wie vor geleistet. Selbst Dienen – Dir zuliebe Dr. P. Albert Ziegler SJ, Zürich der Papst betrachtet sich – seit Bonifatius VIII. – als Diener der Dienerinnen und Diener Gottes. Frau und Herr Minister nehmen ihre Aufgabe wahr als Dienerin und Diener zum Wohle von Volk und Staat. Nicht zuletzt versehen unsere Ministrantinnen und Ministranten als Messdiener ihren Dienst am Altar. Ganz allgemein sprechen wir sogar von der Dienstleistungsgesellschaft. Damit meinen wir unsere Industriegesellschaft, in der die persönlichen Dienstleistungen gegenüber den sachhaften Waren und Produkten immer mehr an Bedeutung gewinnen. Kurzum: Dienstboten verschwinden. Dienstleistungen sind mehr denn je gefragt. Alle diese Erscheinungsformen des Dienens weisen drei Merkmale auf. Erstens geht es um ein Arbeitsverhältnis. Zweitens ist es durch Über- und Unterordnung gekennzeichnet. Der Obere befiehlt. Der Untergebene gehorcht. Drittens muss der Dienende durch seinen Dienst dem Dienstherrn Nutzen bringen. Nicht wenige unserer menschlichen Beziehungen sind derart – genauer gesehen – als Dienstverhältnisse zu betrachten. Dienen – biblisch gedeutet Kein Wunder, dass Dienen auch gängiger biblischer Begriff ist. Gott ist der Herr. Als seine Geschöpfe sind wir auch seine Dienerinnen und Diener. Doch Gott ist kein tyrannischer Herr. Er will und ermöglicht, dass wir ihm als freie Menschen dienen. Er respektiert unsere freie Entscheidung. Mehr noch: In Jesus Christus wird er selber zum Diener. Jesus wäscht seinen Jüngern die Füsse. Er sagt: «Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben (Mk 10, 45).» Darum sagt er auch: «Ich bin unter euch, wie einer, der dient» (Lk 22, 27). Auf diese Weise hat Jesus uns «ein Beispiel gegeben… Der Knecht ist nicht grösser als sein Herr» (Jo 13, 15). Was bedeutet dies für uns selber im alltäglichen Leben? Dienen – christlich gelebt Fangen wir bescheiden in der Kinderstube an. Da kann eine Mutter zu ihrem Kinde sagen: «Könntest du mir nicht einen kleinen Liebesdienst erweisen? Könntest du nicht – mir zuliebe – die Kartoffeln aus dem Keller holen?» Die Mutter könnte befehlen; aber sie tut es nicht. Sie bittet; und sie bittet um einen Dienst, der aus Liebe geschieht. Sind diese kleinen Liebesdienste auf einen engeren Kreis der Familie beschränkt? Der Migros-Bund Bern gab vor Jahren seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern folgendes Jahresmotto mit auf den Weg: «Machet mer gern!» Steckt in diesem Leitwort nicht etwas vom Liebesdienst: Was wir machen, machen wir nicht als blosse Pflichterfüllung. Der Kundendienst geschieht auch aus Liebe zum Kunden. Könnte er nicht auch als Liebesdienst gegenüber dem Vorgesetzten geschehen? Jedenfalls erzählte mir eine Frau: «Mein Mann erlitt einen Herzinfarkt und brauchte eine lange Erholungszeit. Darum musste ich für ein halbes Jahr die Firma selber und allein führen. Ich war überfordert. Aber jeden Abend kamen nach Dienstschluss die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum mir aufs Büro und fragten: 'Chefin, gibt es noch etwas zu tun?'» Und während mir die Frau dies erzählte, kamen ihr die Tränen. Sie hatte erfahren: Ihre Mitarbeitenden erfüllen nicht nur den Dienst nach Vorschrift. Sie arbeiten auch der Chefin zuliebe nach Arbeitsschluss weiter. Stellen wir uns vor, solche Beispiele machten Schule. Dies gilt aber nicht nur Kloster Baldegg

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