9 von der Wirtschaft, sondern auch von der Kirche. Schliesslich sprechen wir ausdrücklich vom Gottesdienst. Warum nennen wir eine kirchliche Gemeinschaftsfeier Gottesdienst? Dahinter steht ein bestimmtes Verständnis solcher Feiern. Die einen sagen: Der Gottesdienst heisst Dienst, weil er mir selber dienlich sein soll. Das heisst, die kirchliche Feier muss mir zusagen und mir etwas bringen. Der Kirchgang muss sich lohnen. Nun aber ist die Predigt einschläfernd und die Feier sterbends langweilig. Also lohnt sich der Kirchgang nicht. Ich bleibe lieber zu Hause. Ohne Zweifel ist an solchen Erfahrungen – leider – manches nur allzu wahr. Aber ist es die ganze Wahrheit? Gottesdienst könnte auch etwas anderes bedeuten, nämlich ein dreifaches Bekenntnis. Wenn ich einen Gottesdienst mitfeiere, bekenne ich zum Ersten: Grosser Gott, durch meinen Kirchgang bezeuge ich, dass ich in deinem Dienste stehe, hilf mir den sonntäglichen Gottesdienst so zu feiern, dass ich mit neuer Kraft und neuem Mut werktäglich den Gottesdienst auch als Weltdienst zu leisten vermag. Zweitens bekenne ich mich zum Dienst für die Kirche. Ich sage durch die gemeinsame kirchliche Feier: Wir gehören zusammen. Wir stehen als Schwestern und Brüder gemeinsam vor Gott. Wir sind füreinander da und stehen füreinander ein. Drittens bekenne ich mit dem Blick auf die Schwestern und Brüder neben mir: Gewiss sagt mir die Predigt nicht zu und die liturgische Feier nicht viel. Aber dir zuliebe bin ich da, damit du dich in der Kirche nicht so allein und verlassen fühlst. Mein Gottesdienstbesuch ist ein Geschenk auch für die anderen. Nicht der Nutzen für mich steht im Vordergrund, sondern das Geschenk für die anderen. Derart kann die Teilnahme am Gottesdienst auch als Liebesdienst verstanden werden. Darum ist der Kirchgang nicht ein Gottesdienstbesuch, wie man ein Museum besucht. Gottesdienstbesuchende können zwar statistisch gezählt werden. Aber in Wirklichkeit geht es um eine gemeinsame Feier, an der alle als Schwestern und Brüder teilhaben. Besonders wichtig sind diese Liebesdienste in den sogenannten Pflegeberufen. Eine junge Schwester erzählte mir: «Ich hatte Nachtwache. Eine Frau läutet. Sie fragt, ob ich ihr nicht eine Tasse Kaffee bringen könnte. Als ich ihr den Kaffee gereicht hatte, schaute sie mich an und sagt: 'Ich hätte auch Ihnen eine Tasse Kaffee gebracht.' Unmittelbar nach diesem Wort sank diese Frau zusammen und war tot.» Ob die Frau den Kaffee noch getrunken hat, wusste die Schwester nicht mehr. Auf jeden Fall hat die Frau sterbend für den Liebesdienst gedankt. Das Beispiel zeigt deutlich: Es gibt den Pflegedienst als berufliche Pflichterfüllung. Dieser Dienst ist professionell und korrekt. Es gibt aber auch den Dienst am kranken und hilfsbedürftigen Menschen aus Liebe und damit wohl auch aus Freude. Dieser Liebesdienst ist der Dienst über das unbedingt Pflichtgemässe hinaus. Es ist das Mehr an Liebe und Freude. Wer so seinen Dienst mit Liebe erfüllt, macht es uns als Hilfsbedürftige leicht, den Dienst zu empfangen. An dieser Stelle wäre nun an unsere Schwestern in den Klöstern und ihren Einrichtungen zu denken. Manches, was die Schwestern getan haben, ist in Misskredit geraten. Nicht alle Vorwürfe halten einer sachlichen Überprüfung stand. Umso mehr sind wir Klosterleute aufgerufen, die Liebesdienste nicht zu vergessen – den Menschen zuliebe und uns zur Freude. Dazu ist sicher manches in diesem Heft zu lesen. Ich freue mich darauf. Darum will ich jetzt meinen kleinen Liebesdienst auch schleunigst beschliessen, Ihnen und Ihrer Geduld zuliebe.
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