baldeggerjournal

4 Hermann-Josef Venetz, Visp Kloster Baldegg Ein Blick in die Bibel Verschiedene Fratzen Ein so allgemeines Wort wie Sünde gibt es in der Bibel kaum. Da ist viel direkter und konkreter die Rede von Gewalttat und Verfehlung, von Ungerechtigkeit und Götzendienst, von Treulosigkeit und Rebellion, von Ungehorsam und Hartherzigkeit, um nur einige wenige dieser Ausdrücke zu nennen. Das Wort Ehebruch kommt auch vor. Für die Propheten sind Ehebrecher Leute, die anderen Göttern nachlaufen, Leute die den Besitz, den Profit, die Karriere, den Fortschritt, das Ansehen, den Status an die Stelle setzen, die eigentlich nur Gott zukommt. Früher oder später werden sie derart rücksichtslos und gewalttätig mit ihren Mitmenschen und mit ihrer Mitwelt umgehen, dass der Tod die unausweichliche Folge davon sein wird. Sünde als Zerstörung Es darf nicht darum gehen, Menschen Schuldkomplexe anzuhängen. Ebenso wenig aber sollte man nach Sündenböcken Ausschau halten, um sich zu entschuldigen. Es geht zuerst einmal darum, der Wirklichkeit ins Auge zu blicken. Jesus deckte – ganz in der Linie der Propheten – diese Wirklichkeit immer wieder schonungslos auf. Wie ein Zugriff Gottes auf das Herz des Menschen hört es sich an, wenn er seinen Zuhörerinnen und Zuhörern sagt: Nicht, was von aussen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein (Mk 7,15). Und ein paar Verse später heisst es: Denn aus dem Menschen selbst, aus seinem Herzen, kommen die bösen Gedanken, kommen Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habsucht und andere schlimme Dinge wie Betrug, Lüsternheit, Neid, Verleumdung, Überheblichkeit und Unvernunft. All das kommt aus dem Inneren des Menschen und macht ihn unrein (Mk 7,21-23). Was da alles aufgezählt wird, was den Menschen unrein macht, das heisst vom Leben ausschliesst, sind nicht Kavaliersdelikte oder kleine Ungereimtheiten; es sind Handlungen und Haltungen, die den Menschen und seine Mitwelt zerstören. Niemand kann Sünden vergeben ausser Gott Als Jesus einmal einem Gelähmten zurief: Deine Sünden sind dir vergeben, reagierten die dabeistehenden Schriftgelehrten sehr ungehalten: Er lästert; niemand kann Sünden vergeben ausser Gott allein! (Mk 2,5-7) Diese Überzeugung teilt auch Jesus. Die Sünde ist etwas so Verheerendes, etwas so Vernichtendes, etwas so Zerstörerisches – für den Sünder wie auch für seine Mitwelt – dass der Schöpfer selber auf den Plan treten muss, um den Schaden zu beheben. Nur schöpferisches Wirken kann Sünden vergeben und kann das daraus entstandene Unheil wieder gut machen. Und schöpferisch im eigentlichen Sinn ist nur Gott allein. Aber sollen nicht auch die Menschen einander die Sünden vergeben? So ist es. Wiederholt werden wir in der Bibel aufgefordert, einander zu verzeihen. Im Vaterunser beten wir täglich: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Das würde dann auch heissen, dass Menschen, die Sünden vergeben, teilnehmen an der schöpferischen Kraft Gottes. Vergebung als Neuschöpfung Im Johannesevangelium tritt der Auferstandene in den Kreis seiner verängstigten Jünger und sagt: Friede sei mit euch. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben … (Joh 20,19-23). So viele Themen werden hier angeschlagen: – Friede. Wenn der Auferstandene mit diesem Zuspruch den Jüngerinnen und Jüngern seine Hände und seine Seite zeigt, heisst das, dass Leben, Gemeinschaft, Ganzheit, Nähe wirklich, ja greifbar werden. – Der Geist-Hauch erinnert an den Anfang der Bibel, an den Beginn der Schöpfung, wo es von Gott heisst: Er formte den Menschen aus Erde vom Ackerboden und hauchte in seine Nase den Lebenshauch. Ein sehr beeindruckendes Bild: Als Geschöpfe Gottes, als Gemeinde Gottes, leben wir immer in Mund-zu-Mund-Beatmung mit Gott. Das Neue Testament spricht im Zusammenhang von Ostern und Auferstehung von einer neuen Schöpfung. Diesem Neuen sollten wir immer mehr auf die Spur kommen und ihm Raum geben. Frieden und Geist, Lebensatem bereiten im Zusammenhang des Evangeliumstextes das vor, was der eigentliche

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