6 Den liebenden Blick Gottes annehmen Ich komme oft mit Menschen in Kontakt, die sich Zeit nehmen wollen für sich selber. Sie gönnen sich eine kürzere oder längere Auszeit, um der Seele Raum zu schaffen, Stille zu erfahren, unverfügte Zeit zu erleben, um mit sich, der Welt und Gott ins Reine zu kommen. Mit diesem Bedürfnis kommen Menschen auch auf die Halbinsel Hertenstein und in die Stella Matutina. Sie möchten ihren Blick für das Wesentliche schärfen, zur Ruhe kommen und die eigene Mitte finden. Manchmal lassen sie ihr Handy zu Hause und distanzieren sich so bewusst von ihrer permanenten Erreichbarkeit. Einige Gäste bleiben für sich alleine, andere suchen das begleitende Gespräch. Es wird für sie möglich, manches zu klären, die Batterien wieder aufzuladen oder gar mit neu erwachtem Leben in den Alltag zurück zu kehren. Ihre Belastungen, ja alles was sie von ihrer Sehnsucht und ihrem ureigenen Leben trennt, darf aufsteigen, da sein, ins Bewusstsein kommen. Die Erfahrung, angenommen zu sein und auch das Dunkle annehmen zu können, befreit und setzt Kräfte für erfülltes Leben frei. Achtsamkeit Gestern hat ein weiblicher Gast still am Abendgebet der Schwestern teilgenommen. Ein Psalmvers hatte wie ein Blitz ins Herz getroffen: «Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich, und erkenne mein Denken! Sieh her, ob ich auf dem Weg bin, der dich kränkt und leite mich auf dem altbewährten Weg.» (Ps 139,23-24) Handschriftlich sorgfältig verfasst, brachte sie diese Worte mit ins Gespräch. Das erhoffe sie sich von ihren stillen Tagen: Selbsterkenntnis, bewussteres und achtsameres Leben. Sie möchte ein spiritueller Mensch werden. Sie wünscht sich, dass ein anderer ihr Herz und ihren Verstand erkenne und sie auf ihrem Weg führe. Selber ringe sie um Klarheit, Versöhnung und Entscheidung. Für die Frau spricht Ps 139 mit eindrucksvollen Worten von einer tiefen Wahrheit: Gott kennt jeden Menschen von innen her. Vor ihm ist nichts verborgen. Gott erforscht und kennt jeden Aspekt unseres Wesens genauer, als wir selbst ihn erkennen. Darin enthalten sind auch unsere Fehler, Unzulänglichkeiten, sogar unsere Sünden. Das kann einen ganz schön in Verlegenheit bringen. Vielleicht erwacht ein Gefühl von Geborgenheit. Vielleicht aber regt sich Beschämung, weil man sich nicht verstecken kann und oder es tritt Widerstand auf, sich mit allem – dem Hellen und dem Dunklen – zu zeigen. Ahnt doch jeder Mensch, dass in ihm verschiedene Kräfte wirksam sind. Gott auf Augen-höhe Aus dem Gespräch mit unserem Gast ist bei mir eine starke persönliche Erinnerung aus der Jugendzeit lebendig geworden. Stille Tage, sogenannte Wüstentage, waren mir damals nicht vertraut. Irgendwie hatte ich die Vorstellung, mich mit meinen Schattenseiten, meinen Sünden beschäftigen zu müssen. Ich ahnte die Gefahr, ins Grübeln zu kommen und fürchtete, diesem «Experiment» nicht gewachsen zu sein. Zum Glück wandelte der Einführungsimpuls in die Schweigezeit meine Skepsis. Es war die Einladung, einfach unter dem liebenden Blick Gottes zu verweilen. Mir dieses liebenden Blickes Gottes immer wieder neu bewusst zu werden. Mich in der Wärme dieser Liebe zu sonnen, so wie ich mich an einem warmen Tag der Sonne aussetze. Und dann wahrzunehmen, wie sich dies auswirke. Die Verheissung, dass daraus Heilung und Wandlung hervorgehen könne, das Ansehen verändert werde, machte mir Mut. Ehrlich gesagt, so ganz einfach ging es dann doch nicht. Damals spürte ich bei dieser Übung eine heilige Scheu. Es ist mir nicht leicht gefallen, in dieser göttlichen Gegenwart ohne Furcht zu verweilen und einfach an mir geschehen zu lassen. Zu gross war der Respekt, meinem Gott auf Augenhöhe zu begegnen. Zu gross war meine Angst, den Ansprüchen Gottes nie genügen zu können. Sein Augen-Blick Heute gehört diese Übung zu meiner täglichen Gebetspraxis. Ganz bewusst verweile ich unter diesem liebenden Blick meines Gottes. Was immer dabei an Freuden und Leiden, Erfolgen und Misserfolgen, Träumen und Plänen, Ängsten und Wünschen hochkommt, vertraue ich so Gott an. Ich gebe IHM Einblick und ER hat den Durchblick. Bildungshaus Stella Matutina Sr. Samuelle Käppeli, Hertenstein
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