8 Gott schenkt Begegnung «Als ich in Sünden war ...», so beginnt das Testament des hl. Franz, das er kurz vor seinem Tod, im September 1226, einem Bruder diktierte. Und er fährt weiter «…. kam es mir bitter vor, Aussätzige zu sehen. Aber der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süssigkeit des Leibes und der Seele verwandelt.» Test 1-3 «Als ich in Sünden war …» Mit diesen Worten bezeichnet Franziskus rückblickend sein Leben vor der Begegnung mit dem Aussätzigen. Wenn Franziskus sein bisheriges Leben als «in Sünden» beschreibt, dann steht er zu seinen Schwächen, Grenzen und Fehlern. Er erinnert sich, dass es ihm «bitter war, Aussätzige zu sehen.» Er geht diesen Ärmsten der Armen, diesen AusgestosseBruder Franziskus: «Als ich in Sünden war ...» Sr. Renata Geiger, Baldegg nen aus dem Weg, er ekelt sich vor ihnen. Aus eigener Kraft ist er unfähig, ihnen zu begegnen. In dieser Tatsache erkennt er sein «in-Sünde-sein». Doch eines Tages kann er nicht ausweichen. Der Weg ist zu eng. Er muss «vom hohen Ross herabsteigen». Er muss sich dieser Begegnung stellen. Er gibt dem Aussätzigen ein Almosen und – er umarmt den Leprosen. Franziskus ist überzeugt «der Herr selbst» hat diese Begegnung «inszeniert». Franziskus lässt sich darauf ein und erfährt dabei die Verwandlung von «der Bitterkeit in Süssigkeit», von der Ichbezogenheit in die Beziehungsfähigkeit, von der Schuld zur Versöhntheit. Und er weiss, dass nur Gott ihm dies zu schenken vermag, denn Gott schenkt Versöhnung Dazu berichtet sein erster Biograph Thomas von Celano noch ein anderes Ereignis. Als Franziskus wieder einmal, sein altes Leben betrauernd, in der Einsiedelei von Poggio Bustone weilt, schenkt ihm Gott die Gewissheit der Sündenvergebung. «Eines Tages suchte Franziskus einen Ort des Gebetes (Einsiedelei in Poggio Bustone) auf, wie er es sehr oft zu tun pflegte. Als er dort lange Zeit, mit Furcht und Bitterkeit der Seele die schlecht verbrachten Jahre überdachte, wiederholte er immer wieder das Wort: «Gott, sei mir Sünder gnädig!» Da begann eine unsagbare Freude und höchste Wonne sich nach und nach in das Innerste seines Herzens zu ergiessen ()und es wurde ihm die Gewissheit zuteil, alle seine Sünden seien ihm vergeben, und die Zuversicht in ihm erweckt, wieder zu Gnaden zu kommen.» 1 Celano 26 Auch diese Erfahrung ergreift und verwandelt Franziskus im Innersten seines Herzens. Er macht die Erfahrung, mit den Augen einer bedingungslosen Liebe angesehen zu sein, die er sich weder verdienen kann noch verdienen muss. Und er erfährt von neuem, dass nur Liebe und Barmherzigkeit in der Lage sind, ein Herz zu wandeln und neue Wege zu eröffnen. Franziskus lernt durch diese Ereignisse, dass unvergebene Schuld, sei es sich selbst oder anderen gegenüber, unfrei macht und Begegnung verunmöglicht. Die Erfahrung der bedingungslosen Barmherzigkeit Gottes wird nun für ihn zum Massstab für die Begegnung mit den Menschen. Und er wird so auf eine ganz neue Weise zu einem Werkzeug der Einheit und Versöhnung. Kloster Baldegg
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=