9 So antwortet Papst Franziskus auf die Frage des Jesuiten Antonio Spadaro: «Wer ist Jorge Mario Bergoglio?» Und er doppelt nach: «Das ist die richtige Definition. Es ist keine Redensart, kein literarisches Genus. Ich bin ein Sünder.» «Ich bin ein Sünder, den der Herr angeschaut hat, der vom Herrn angeschaut wird.» Als ich diese Selbsteinschätzung las, die Papst Franziskus für die zutreffendste hält, war ich sehr überrascht. Ein so guter Mensch, der schon seit über fünfzig Jahren ganz für Gott da ist und sich restlos an die Mitmenschen hingibt, er definiert sich als Sünder. Ich habe viel darüber nachgedacht. Es ist mir auch aufgefallen, wie oft Papst Franziskus in seinen Ansprachen und Predigten sagt, dass wir alle Sünder und Sünderinnen sind, aber dass Gott nie müde wird, uns zu verzeihen.Wir müssen nur um Vergebung bitten. Darum scheut er sich Papst Franziskus: «Ich bin ein Sünder …» Sr. M. Martine Rosenberg, Baldegg auch nicht, die Menschen immer wieder auf das Busssakrament hinzuweisen, sie zum Beichten einzuladen. In allem geht es Papst Franzskus um eine Begegnung mit Jesus, mit dem barmherzigen, vergebenden, wartenden und jeden Menschen liebenden Gott. Diese Liebe Gottes, die im Evangelium bezeugt ist, macht Papst Franziskus durch sein Leben sichtbar. Er lebt das Evangelium. Er ist unter den Menschen wie damals Jesus, und wendet sich besonders den Armen und Hilflosen, den Leidenden und Kranken, den Ausgestossenen und Verachteten zu. Er kennt das Leben und seine Abgründe. Er weiss um die Gebrechlichkeit des Menschen. Er erfährt seine eigenen Schwächen. Je näher ein Mensch Gott ist, umso mehr spürt er die persönlichen Unzulänglichkeiten. Er sieht den grossen Abstand zwischen der Heiligkeit Gottes und dem eigenen Leben. Auf diesem Hintergrund kann ich das Sündenbewusstsein von Papst Franziskus verstehen. Durch seine tiefe Verbundenheit mit Gott im stundenlangen täglichen Beten ist sein Gewissen äusserst sensibel geworden. Durch seinen überzeugten Dienst als Beichtvater, für den er in den verschiedenen Phasen seines priesterlichen Lebens immer Zeit einsetzte, auch jetzt als Papst, ist ihm die grosse Landschaft der Sünden vertraut. Er glaubt aber vor allem an das herzliche und nie versiegende Erbarmen Gottes, das grösser ist als jede Sünde. Den dicht gedrängten Menschen auf dem Petersplatz versichert er daher mit werbendem Charme: «Ich sage euch, jedes Mal, wenn wir zur Beichte gehen, umarmt uns Gott.» Sünde hat mit Gott zu tun. Wer Gottes Heiligkeit und seine rettende Liebe zum Massstab des Lebens nimmt, kommt zur gleichen Erkenntnis wie Papst Franziskus: Ich bin eine Sünderin, ich bin ein Sünder. Unser Leben weist ja viele Mängel an Herzensgüte, Barmherzigkeit, Mitgefühl, Sanftmut, Selbstlosigkeit, Demut, Anteilnahme, Hingabe auf. Unsere Liebe zu Gott und den Menschen ist in Gedanken, in Worten und im Tun alles andere als vollkommen. Wie tröstlich, dass wir trotzdem von Jesus angeschaut und geliebt sind. Papst Franziskus betont das immer wieder und lädt ein, auf diese wunderbare und vergebende Liebe Gottes zuzugehen. Der heilige Franz von Assisi hat geweint, «weil die Liebe zu wenig geliebt wird». Die beiden gleichen einander sehr.
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