baldeggerjournal

10 Sündenböcke, Schuld und befreiende Erlösung 1. Der Machbarkeitswahn und die Suche nach Sündenböcken Ein Kind ertrunken, ein 90-Jähriger überfahren, eine Mutter beim Wohnungsbrand erstickt – tragische Unfälle, von niemandem gewollt. Aber gerade in solchen Fällen lässt die Frage nach dem Sündenbock nicht auf sich warten. In einer Zeit, in der alles machbar zu sein scheint, darf es solche «Pannen» nicht geben. Die oft frenetische Schuldsuche und Schuldzuweisung soll die Angst verdrängen, die in der Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit aufbricht. Das Bewusstsein um die menschliche Verletzbarkeit und Ungeborgenheit ist unbequem für eine Gesellschaft, die an eine generelle Machbarkeit von allem glaubt und die der Meinung huldigt, sie hätte sich schon längst aus den Fesseln von Religion und transzendentalen Kräften befreit. Spätestens seit der Renaissance und dem Humanismus ist an Stelle des theozentrischen Weltbildes ein anthropozentrisches getreten. Der Mensch nimmt sich die Freiheit, die Welt nach seinen Vorstellungen zu verändern. Der Glaube an die Machbarkeit wurde auch nicht wesentlich geschmälert, als nicht alles den geplanten Verlauf nahm. Statt erhoffter «segensreicher» neuer Errungenschaften, wurden oft neue Probleme und nie dagewesene Zerstörungspotentiale geschaffen. Für einen echten «Homo Faber» aber bedeutete das nicht das Ende seiner Machbarkeitsideologie, sondern vielmehr die Bestärkung in seiner Suche nach der Perfektionierung eines Systems, in dem Fehler ausgemerzt und Schuldige bestraft werden müssen. Schuldzuweisungen werden somit zur Notwendigkeit und sollen zeigen, dass mit der Beseitigung letzter Fehler und menschlicher Schwachstellen alles schliesslich ohne transzendentale Mächte machbar ist. 2. Die Last der Eigenverantwortung und das Fehlen von Vergebung Mit der Betonung solcher Selbständigkeit und Unabhängigkeit verstärkt sich auch die Eigenverantwortung. Der Einzelne gewinnt an Freiheit, gleichzeitig aber verpflichtet dies zu einem Tun, das enormen Ansprüchen genügen muss und keine Fehler zulässt. Dies wird besonders deutlich in einer Gesellschaft, die einer Machbarkeitsideologie verhaftet ist. Wird man ihren Ansprüchen nicht gerecht, hat man versagt, ja, man wird schuldig. Wie aber kann solche Schuld getilgt werden? Im Gegensatz zur religiösen Welt gibt es keine Vergebung. Übertretungen werden gesetzlich geahndet, was aber weiterhin bleibt, ist der persönliche Anspruch an sich selbst, dem man nicht genügen konnte. Oft wird er verdrängt, indem man die Schuld andern zuweist oder aber auch betont, dass traditionelle Werte nicht mehr gelten. Gleichzeitig werden Talkshows und Social Medias wie etwa Facebook immer mehr zu einer Art öffentlichem Beichtstuhl, der jedoch gerade jene so ersehnte Vergebung nicht geben kann, nach der verzweifelt gesucht wird. Da es aber für den heutigen Menschen sehr schwierig ist, mit Schuld und Schuldgefühlen umzugehen, manifestieren sich solche unbewältigten Konflikte in der Folge oft indirekt in Angst- und Zwangsneurosen, die in gewissen Fällen nur durch professionelle psychologische oder psychiatrische Hilfe überwunden werden können. Paradoxerweise wird bei Belastungen durch Sünd- und Schuldgefühle auch die religiöse Dimension verdrängt, die Vergebung bringen könnte. 3. Geborgenheit und Wagnis auf dem Weg mit Gott In diesem Zusammenhang stellt sich nun die Frage, ob dies zu Recht geschehe. Solange man in ein religiöses Weltbild eingebettet war, konnte man mit der Hilfe dessen rechnen, der mit den Menschen ja schliesslich einen Bund geschlossen hatte und dessen Verheissung lautete: «Ich bin jener, der immer da ist für euch» (Ex 3.14,15). Diese Zusicherung Gottes, stets als «go-el» zu wirken, d.h. als Verteidiger jener, die von niemandem verteidigt werden, ist in der Ungeborgenheit der hochtechnisierten Welt genauso aktuell wie sie es vor rund 3000 Jahren für jene schutzlose Sklavengruppe war. Vertraut der Gläubige darauf, dass ihm Gott zur Seite steht in allen seinen Nöten und Ängsten und ihn wie damals aus Zwang und Unterdrückung befreit, um ihm Raum zur Entfaltung zu geben, so wird er sich auch auf diesen Gott einlassen. Er wird versuchen, sein Leben nach Gottes Grundsätzen auszurichten. Somit gelten für den Gläubigen letztlich nicht menschliche Massstäbe als Kloster Baldegg Prof. Dr. Christiane Blank, Zofingen

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