12 Kloster Baldegg Loslassen, was nicht gut gelaufen ist Schwester Jolenda, du begleitest Menschen in den Himmel. Was fällt dir dabei auf? Dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Obwohl die Patientinnen und Patienten wissen, dass sie dem Tod in die Augen schauen, hoffen alle, es könnte doch noch einmal besser werden. Meist ist auch eine gewisse Angst da. Worin besteht sie? Oft belastet eine Schuld. Oder sie formulieren, dass dieses oder jenes halt nicht so gut gelaufen ist. Oder sorgen sich, was mit dem Unguten im eigenen Leben passiert. Was ist deine Rolle in dieser Situation? Zuhören. Ich muss ja nicht wissen, was nicht gut gelaufen ist. Ich lasse die Patienten einfach erzählen. Dann spüre ich, was das für ein Mensch war, wie er gelebt hat. Aus dem Gehörten hole ich das Positive heraus und kann ihm dann die gelungenen Seiten seines Lebens aufzeigen. Beispielsweise, dass er ein liebenswürdiger Partner war, oder sich die Kinder keine bessere Mutter vorstellen können. Oder wenn mir einer erzählt, dass er aus der Kirche ausgetreten sei, dann kann ich ihm vielleicht sagen, dass Gott ihm nie den Rücken gekehrt hat. Das Schwierige wird so zum Türöffner? Richtig. Ich versuche, die Angst zu nehmen. Ich habe da immer ein total gutes Gefühl. Es hilft, wenn man selber im Glauben steht und einem der Glaube wichtig ist. So kann ich bei den Sterbenden ganz mich selber sein. Auch jene, die aus der Kirche ausgetreten sind oder sich als konfessionslos oder atheistisch bezeichnen, fassen bald Zutrauen. Sie spüren, dass ich sie nicht bekehren will. Ich möchte ihnen bloss helfen, dass sie gewisse Sachen loslassen können. Freude hilft loszulassen. Es gibt Leute die sagen, ich spüre so viel Freude im Hospiz. Man habe das Gefühl, es sei schön, sterben zu dürfen. Wie sprechen Sterbende von Schuld und Sünde? Das fasziniert mich total: Sterbende suchen nie mehr einen Schuldigen für etwas. Sondern sie sagen: Ich habe das gemacht. Ich bin deswegen schuldig geworden. Im Gegensatz zu uns. Wir haben die Tendenz zu sagen: Das ist wegen ‹dem› oder wegen ‹der› passiert. Sterbende aber sind ehrlich. Sie verlieren nämlich nichts mehr, sie müssen nichts mehr zudecken, niemanden mehr beschuldigen. Und die Angehörigen? Hie und da spüre ich, dass sie noch etwas bereinigen wollen oder etwas Ungerades in sich tragen. Wenn sie aber sehen, dass der oder die Sterbende so gelöst und zufrieden ist, dann merken sie plötzlich, dass das gar nicht mehr wichtig ist. Das ist jeweils etwas Wunderbares. Es ist spannend zu sehen, wie im Angesicht Schwester Jolenda Elsener, die Leiterin des Sterbehospizes St. Antonius in Hurden, im Gespräch mit Sr. Marie-Ruth Ziegler. des Todes sich Schuld und Ungutes relativieren, nicht mehr so wichtig sind, wie Menschen sich einfach die Hand drücken und damit alles wieder in Ordnung ist. Das ist für mich Vergebung. Wenn wir Menschen fähig sind, denen zu vergeben, die mich wütend gemacht haben, wieviel mehr kann das Gott. Das versuche ich den Angehörigen zu vermitteln. Ebenso: Das Leben ist so kurz. Lebt es bewusst. Es ist doch schade, wenn man es nicht gut lebt. Bist du eine Beichtmutter? Nein, das bin ich nicht. Aber eine Art Seelsorgerin schon. Ich glaube, ich tue den Menschen im Herzen drinnen gut; ich kann mithelfen, dass die Seele des Sterbenden den Weg findet. Mit den Sterbenden und ihren Angehörigen darf ich mein Vertrauen in Gott teilen. Ich kann ihnen helfen, loszulassen. Und ihnen vermitteln, dass sie aufgehoben sind. Ich ermuntere sie, ihr Lebensbuch, in das sie ihr Leben lang geschrieben haben, Gott hinzuhalten, damit er darin lesen kann. Vergebung von Schuld passiert, wenn sie Gott bitten, dass er alles verwandle. Das ist etwas sehr Schönes. Woher weisst du das? Dieses Vertrauen ist einfach so in mir. Sicher ist das der Heilige Geist, der mir das schenkt. Echt, ich glaube daran, dass er mir in den ganz schwierigen Situationen immer die richtigen Worte für die Sterbenden und ihre Angehörigen eingibt.
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